Metaverse schafft neue Möglichkeiten und Anwendungen

In Zukunft wird die reale Welt mit einer virtuellen Welt – genannt Metaverse – verschmelzen. Durch digitale Zwillinge werden reale Objekte im Metaverse repräsentiert. Auch ganze Lieferketten können so repräsentiert und optimiert werden.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Sicher haben Sie schon einmal von Paralleluniversen aus der Quantenphysik gehört. Nach dieser Theorie könnten wir gleichzeitig in unterschiedlichen Welten existieren – genauer gesagt in unendlich vielen. Was kaum fassbar und utopisch erscheint, wird gerade in einer anderen Form durch den Menschen erschaffen. Eine parallele Welt, die über das hinaus geht, was wir bisher kennen. Im sog. Metauniversum (meta = jenseits, darüber hinaus gehend) oder auch Metaverse verschmelzen die physische und die digitale Welt. Es ist ein virtueller Raum in dem wir mittels Avatar miteinander agieren können oder vollständig – wie im richtigen Leben – in ein Event eintauchen können. Es gleicht in gewisser Hinsicht einem dreidimensionalen Videogame. Im Metaversum können Nutzer die Welten mitgestalten und dort leben, lernen, arbeiten und feiern.

Das Metaverse: „Projekt in Progress“.
Allerdings ist bisher noch nicht exakt definiert, was das Metaverse genau sein soll und durch welche Technologien es umgesetzt werden soll. Auch arbeiten verschiedene Firmen wie Facebook, Microsoft, Apple, Google und Firmen aus dem Videospiele-Bereich wie Epic Games (Fortnite) und Roblox an ihrer Version des Metaverse. Diese Metaversen bzw. virtuellen Räume könnten später vielleicht miteinander interagieren. Metaverse-Plattformen sind bisher beispielsweise The Sandbox, Decentraland und Axie Infinity. Die gesamte Idee ist also ein „Projekt in Arbeit“, was durch viele unterschiedliche Parteien entwickelt wird. Wichtige technische Fragen wie z. B. über die Architektur (zentral oder dezentral), Betriebssystem (benötigt oder nicht?), Standards und Protokolle und Besitzstatus (proprietär oder Open Source) müssen noch beantwortet werden. Technologien wie Blockchain, Künstliche Intelligenz (KI), Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) werden im Metaverse zusammengeführt. Neue Technologien für verschiedene Sinneserfahrungen wie z. B. spezielle Handschuhe zum Erfühlen von Gegenständen und spezielle Nasenklappen an VR-Brillen, um Gerüche zu erzeugen, müssen noch zur Marktreife gebracht werden.

Vor- und Nachteile des Paralleluniversums.
Es existieren viele Vorteile aber auch schwerwiegende Nachteile des Metaverse. In der virtuellen Welt können sich Menschen unabhängig vom Aufenthaltsort via Avatar treffen. Auf diese Art werden Reisekosten sowie Zeit gespart und die Umwelt geschont. Die Arbeitnehmer können von zuhause oder jedem anderen Ort aus arbeiten. Home Schooling und Home Office werden zunehmend realitätsnah. Für Unternehmen ergeben sich neue Möglichkeiten für Marketing und Vertrieb. Die Kunden können Produkte im 3D-Raum sinnlich erfahren. Es entsteht eine neue Welt in der z. B. Produkte, Grundstücke, Häuser und Unternehmen gekauft und verkauft werden können.

Eine große Gefahr ist der suchtbildende Charakter des Metaverse, der gegenüber Videospielen um ein Vielfaches potenziert wird. Da vollständige Eintauchen in eine Parallelwelt kann zur Abtrennung der Menschen von der realen Welt, der Natur sowie der eigenen realen Persönlichkeit führen. Der Zugang in das Metaverse erfolgt durch aufwändige und teure Technik wie VR-Brillen, spezielle Handschuhe und Schuhe, Simmulationstechnik für den Geruch- und Geschmackssinn, u. a.. Zudem sind fortgeschrittene digitale Kenntnisse notwendig. All das kann dazu führen, dass eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht – nämlich aus Menschen, die sich den Zutritt zum Metaverse leisten können und auch wissen wie man Zugang erhält, und den anderen, die beide Voraussetzungen nicht erfüllen.

Metaverse in der Logistik und Industrie.
Das virtuelle Universum wird Unternehmen aus allen Branchen und insbesondere auch der Logistikbranche viele neue Möglichkeiten eröffnen, ihre Prozesse effizienter zu gestalten. Neben der schon erwähnten Möglichkeit sich im virtuellen Raum zu einem Arbeitsmeeting zu treffen, bei dem sich die Teilnehmer real an völlig unterschiedlichen Orten auf dem Globus befinden, bietet besonders auch die Kombination mit KI enorme Potenziale zur Verbesserung. Ganze Städte, Fabriken, Unternehmen, Logistikzentren und auch Lieferketten lassen sich als „digitaler Zwilling“ reproduzieren.

Die Verbindung von digitalem Zwilling und Metaverse kann Systeme wie Supply Chains viel eindrücklicher darstellen und damit die Aufdeckung von Ineffizienzen erleichtern. Dabei werden Echtzeitdaten der realen Objekte via Internet der Dinge (IdD) auf den Zwilling übertragen und können so auch zu Simulationen künftiger Zustände der Lieferkette genutzt werden. Digitale Zwillinge fungieren also als Missing Link, der die Realität mit dem Metaverse verbindet. Auf diese Weise kann eine Supply Chain von den Nutzern (z. B. alle Stakeholder) einer Metaverse-Software virtuell direkt erfahren werden. Dabei erhalten die Nutzer Echzeitdaten z. B. über eine AR-Brille.

Die Technologie schafft also Transparenz über Daten und Zustände der Supply Chain und ermöglicht eine drastische Verbesserung der Funktionsfähigkeit und Effizienz. Die Grundlage für all das ist die exakte Erfassung von Echtzeitdaten aller Objekte in der Supply Chain. Alle Stakeholder erhalten Einsicht auf Lieferzeiten, Transitzeiten, Verzögerungen und Versendungskosten und Bezugsquellen in Echtzeit, was das Vertrauen in die Prozesse der Lieferkette aller Beteiligten stärkt. Mit der Nvidia-Software Omniverse existiert bereits eine Plattform, um digitale Zwillinge für das Metaverse zu erstellen und Teams weltweit zu verbinden. Sie wurde bereits von Firmen wie BMW, Ericsson, Siemens und Lockheed Martin genutzt.

Das Metaverse fördert auch die Verkürzung von Produktzyklen, da alle Stakeholder der Lieferkette an dem Design von neuen Produkten mitwirken können und dieses durch entsprechendes Feedback iterieren können. Zudem könnte die Ausbildung und Schulung der Mitarbeiter via digitalem Zwilling und Metaverse wesentlich einfacher und realitätsnäher gestaltet werden. Für die Kunden würde die Technologie ganz neue Möglichkeiten eröffnen mit dem gewünschten Produkt zu interagieren. In virtuellen Showrooms könnten die Produkte schon vor dem Kauf getestet werden und gewünschte Eigenschaften wie Farbe, Textur, etc. und Ausstattungsmerkmale angepasst werden. Zudem werden dem Kunden entsprechende Produktinformationen in die VR-Brille eingespielt.

Eine weitere interessante Möglichkeit für die Nutzung von Digital Twins, KI, Predictive Analysis und Metaverse besteht in der Bedarfsprognose von Produkten und dem Bestandsmanagement. Durch die Steigerung der Genauigkeit können z. B. Einzelhändler die Lieferkette optimieren und so ihr Endergebnis erheblich verbessern.

Schlüssel-Technologien für das Metaverse.
Die Blockchain gilt als das Rückrad des Metaverse. Durch sie wird der Wertetransfer, die Besitzverifizierung, die gegenseitige Nutzung von digitalen Objekten, die Kontrolle der Prozesse und die Produkthaftung transparent gemacht und gesichert. Zudem kann der Kauf von virtuellem Land und Immobilien durch Kryptowährungen erfolgen und der Besitz gesichert und übertragen werden.

Das Metaverse wird in Zukunft von vielen kreativen Köpfen erschaffen werden – mit teilweise auch geringer technischer Vorbildung. Daher entwickelt sich die Nachfrage nach sog. Low-code- und No-code-Plattformen und Plug-and-Play-Anwendungen wie z. B. Onirix. Für realistische 3D-Darstellungen von Objekten im Metaverse werden zunehmend Firmen für hochauflösende 3D-Foto- und Videografie benötigt. Weiterhin wird sich die Nutzung des IdD enorm ausweiten, um Echtzeitdaten in das Metaverse zu füttern. Zudem bildet das Mobilfunk-Internet 5G mit Bandbreiten im Gigabit-Bereich und geringen Latenzzeiten die Basis für das IdD. Um die umfassende bzw. immersive Sinneserfahrung des Metaverse zu kreieren, werden immer mehr kybernetische Technologien für Sprache, visuelle Wahrnehmung, Bewegung, Erkennung von biometrischen Daten, etc. eingesetzt werden.

Ein weiteres Beispiel ist das Brain-Computer-Interface Neuralink von Elon Musk, das eine symbiotische Beziehung zwischen menschlichem Gehirn und Computer schaffen soll. Mit dem chirurgisch implantierten Chip soll der Nutzer mit Computer und Maschinen kommunizieren und diese kontrollieren können. Die Idee des Metaverse wird zu einem Technologiesprung in vielen Bereichen führen und ebenso die Effizienz von Lieferketten enorm steigern. (DR)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


 

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