Metaverse schafft neue Möglichkeiten und Anwendungen

In Zukunft wird die reale Welt mit einer virtuellen Welt – genannt Metaverse – verschmelzen. Durch digitale Zwillinge werden reale Objekte im Metaverse repräsentiert. Auch ganze Lieferketten können so repräsentiert und optimiert werden.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Sicher haben Sie schon einmal von Paralleluniversen aus der Quantenphysik gehört. Nach dieser Theorie könnten wir gleichzeitig in unterschiedlichen Welten existieren – genauer gesagt in unendlich vielen. Was kaum fassbar und utopisch erscheint, wird gerade in einer anderen Form durch den Menschen erschaffen. Eine parallele Welt, die über das hinaus geht, was wir bisher kennen. Im sog. Metauniversum (meta = jenseits, darüber hinaus gehend) oder auch Metaverse verschmelzen die physische und die digitale Welt. Es ist ein virtueller Raum in dem wir mittels Avatar miteinander agieren können oder vollständig – wie im richtigen Leben – in ein Event eintauchen können. Es gleicht in gewisser Hinsicht einem dreidimensionalen Videogame. Im Metaversum können Nutzer die Welten mitgestalten und dort leben, lernen, arbeiten und feiern.

Das Metaverse: „Projekt in Progress“.
Allerdings ist bisher noch nicht exakt definiert, was das Metaverse genau sein soll und durch welche Technologien es umgesetzt werden soll. Auch arbeiten verschiedene Firmen wie Facebook, Microsoft, Apple, Google und Firmen aus dem Videospiele-Bereich wie Epic Games (Fortnite) und Roblox an ihrer Version des Metaverse. Diese Metaversen bzw. virtuellen Räume könnten später vielleicht miteinander interagieren. Metaverse-Plattformen sind bisher beispielsweise The Sandbox, Decentraland und Axie Infinity. Die gesamte Idee ist also ein „Projekt in Arbeit“, was durch viele unterschiedliche Parteien entwickelt wird. Wichtige technische Fragen wie z. B. über die Architektur (zentral oder dezentral), Betriebssystem (benötigt oder nicht?), Standards und Protokolle und Besitzstatus (proprietär oder Open Source) müssen noch beantwortet werden. Technologien wie Blockchain, Künstliche Intelligenz (KI), Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) werden im Metaverse zusammengeführt. Neue Technologien für verschiedene Sinneserfahrungen wie z. B. spezielle Handschuhe zum Erfühlen von Gegenständen und spezielle Nasenklappen an VR-Brillen, um Gerüche zu erzeugen, müssen noch zur Marktreife gebracht werden.

Vor- und Nachteile des Paralleluniversums.
Es existieren viele Vorteile aber auch schwerwiegende Nachteile des Metaverse. In der virtuellen Welt können sich Menschen unabhängig vom Aufenthaltsort via Avatar treffen. Auf diese Art werden Reisekosten sowie Zeit gespart und die Umwelt geschont. Die Arbeitnehmer können von zuhause oder jedem anderen Ort aus arbeiten. Home Schooling und Home Office werden zunehmend realitätsnah. Für Unternehmen ergeben sich neue Möglichkeiten für Marketing und Vertrieb. Die Kunden können Produkte im 3D-Raum sinnlich erfahren. Es entsteht eine neue Welt in der z. B. Produkte, Grundstücke, Häuser und Unternehmen gekauft und verkauft werden können.

Eine große Gefahr ist der suchtbildende Charakter des Metaverse, der gegenüber Videospielen um ein Vielfaches potenziert wird. Da vollständige Eintauchen in eine Parallelwelt kann zur Abtrennung der Menschen von der realen Welt, der Natur sowie der eigenen realen Persönlichkeit führen. Der Zugang in das Metaverse erfolgt durch aufwändige und teure Technik wie VR-Brillen, spezielle Handschuhe und Schuhe, Simmulationstechnik für den Geruch- und Geschmackssinn, u. a.. Zudem sind fortgeschrittene digitale Kenntnisse notwendig. All das kann dazu führen, dass eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht – nämlich aus Menschen, die sich den Zutritt zum Metaverse leisten können und auch wissen wie man Zugang erhält, und den anderen, die beide Voraussetzungen nicht erfüllen.

Metaverse in der Logistik und Industrie.
Das virtuelle Universum wird Unternehmen aus allen Branchen und insbesondere auch der Logistikbranche viele neue Möglichkeiten eröffnen, ihre Prozesse effizienter zu gestalten. Neben der schon erwähnten Möglichkeit sich im virtuellen Raum zu einem Arbeitsmeeting zu treffen, bei dem sich die Teilnehmer real an völlig unterschiedlichen Orten auf dem Globus befinden, bietet besonders auch die Kombination mit KI enorme Potenziale zur Verbesserung. Ganze Städte, Fabriken, Unternehmen, Logistikzentren und auch Lieferketten lassen sich als „digitaler Zwilling“ reproduzieren.

Die Verbindung von digitalem Zwilling und Metaverse kann Systeme wie Supply Chains viel eindrücklicher darstellen und damit die Aufdeckung von Ineffizienzen erleichtern. Dabei werden Echtzeitdaten der realen Objekte via Internet der Dinge (IdD) auf den Zwilling übertragen und können so auch zu Simulationen künftiger Zustände der Lieferkette genutzt werden. Digitale Zwillinge fungieren also als Missing Link, der die Realität mit dem Metaverse verbindet. Auf diese Weise kann eine Supply Chain von den Nutzern (z. B. alle Stakeholder) einer Metaverse-Software virtuell direkt erfahren werden. Dabei erhalten die Nutzer Echzeitdaten z. B. über eine AR-Brille.

Die Technologie schafft also Transparenz über Daten und Zustände der Supply Chain und ermöglicht eine drastische Verbesserung der Funktionsfähigkeit und Effizienz. Die Grundlage für all das ist die exakte Erfassung von Echtzeitdaten aller Objekte in der Supply Chain. Alle Stakeholder erhalten Einsicht auf Lieferzeiten, Transitzeiten, Verzögerungen und Versendungskosten und Bezugsquellen in Echtzeit, was das Vertrauen in die Prozesse der Lieferkette aller Beteiligten stärkt. Mit der Nvidia-Software Omniverse existiert bereits eine Plattform, um digitale Zwillinge für das Metaverse zu erstellen und Teams weltweit zu verbinden. Sie wurde bereits von Firmen wie BMW, Ericsson, Siemens und Lockheed Martin genutzt.

Das Metaverse fördert auch die Verkürzung von Produktzyklen, da alle Stakeholder der Lieferkette an dem Design von neuen Produkten mitwirken können und dieses durch entsprechendes Feedback iterieren können. Zudem könnte die Ausbildung und Schulung der Mitarbeiter via digitalem Zwilling und Metaverse wesentlich einfacher und realitätsnäher gestaltet werden. Für die Kunden würde die Technologie ganz neue Möglichkeiten eröffnen mit dem gewünschten Produkt zu interagieren. In virtuellen Showrooms könnten die Produkte schon vor dem Kauf getestet werden und gewünschte Eigenschaften wie Farbe, Textur, etc. und Ausstattungsmerkmale angepasst werden. Zudem werden dem Kunden entsprechende Produktinformationen in die VR-Brille eingespielt.

Eine weitere interessante Möglichkeit für die Nutzung von Digital Twins, KI, Predictive Analysis und Metaverse besteht in der Bedarfsprognose von Produkten und dem Bestandsmanagement. Durch die Steigerung der Genauigkeit können z. B. Einzelhändler die Lieferkette optimieren und so ihr Endergebnis erheblich verbessern.

Schlüssel-Technologien für das Metaverse.
Die Blockchain gilt als das Rückrad des Metaverse. Durch sie wird der Wertetransfer, die Besitzverifizierung, die gegenseitige Nutzung von digitalen Objekten, die Kontrolle der Prozesse und die Produkthaftung transparent gemacht und gesichert. Zudem kann der Kauf von virtuellem Land und Immobilien durch Kryptowährungen erfolgen und der Besitz gesichert und übertragen werden.

Das Metaverse wird in Zukunft von vielen kreativen Köpfen erschaffen werden – mit teilweise auch geringer technischer Vorbildung. Daher entwickelt sich die Nachfrage nach sog. Low-code- und No-code-Plattformen und Plug-and-Play-Anwendungen wie z. B. Onirix. Für realistische 3D-Darstellungen von Objekten im Metaverse werden zunehmend Firmen für hochauflösende 3D-Foto- und Videografie benötigt. Weiterhin wird sich die Nutzung des IdD enorm ausweiten, um Echtzeitdaten in das Metaverse zu füttern. Zudem bildet das Mobilfunk-Internet 5G mit Bandbreiten im Gigabit-Bereich und geringen Latenzzeiten die Basis für das IdD. Um die umfassende bzw. immersive Sinneserfahrung des Metaverse zu kreieren, werden immer mehr kybernetische Technologien für Sprache, visuelle Wahrnehmung, Bewegung, Erkennung von biometrischen Daten, etc. eingesetzt werden.

Ein weiteres Beispiel ist das Brain-Computer-Interface Neuralink von Elon Musk, das eine symbiotische Beziehung zwischen menschlichem Gehirn und Computer schaffen soll. Mit dem chirurgisch implantierten Chip soll der Nutzer mit Computer und Maschinen kommunizieren und diese kontrollieren können. Die Idee des Metaverse wird zu einem Technologiesprung in vielen Bereichen führen und ebenso die Effizienz von Lieferketten enorm steigern. (DR)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


 

Intelligente Lieferroboter lösen Problem der letzten Meile

Die weltweite Nachfrage nach autonomen Lieferrobotern und Drohnen steigt nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie und den stark expandierenden Online-Handel rasant. Im Land der Mitte sind es Alibaba, Meituan, JD die die Entwicklung und den Einsatz von Robotern z. B. im Lebensmittelbereich vorantreiben.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Die letzte Meile gilt traditionell als teuerster Teil der Transportstrecke einer Lieferung, da sie extrem ressourcenintensiv ist. Es werden sehr viele Lieferfahrzeuge mit Personal benötigt, die nicht nur die Kosten in die Höhe treiben, sondern auch Ballungsräume verstopfen und zu Umweltproblemen führen. Probleme bei der Lieferung wie Lieferverzögerungen, verlorene oder beschädigte Ware führen zu negativen Kundenerfahrungen, worauf diese von den Kunden dann wutentbrannt und enttäuscht auf Social Media mit anderen potenziellen Kunden geteilt werden. Daher ist es für Transport- und Logistikunternehmen von entscheidender Bedeutung, die größten Probleme der letzten Meile zu kennen und zu lösen. Die Corona-Pandemie hat die kontaktlose Lieferung z. B. von Lebensmitteln oder auch anderen Online-Käufen durch Roboter vorangetrieben. Der Bedarf wird wohl weit über das Ende der Pandemie hinaus bestehen bleiben.

Revolution der Lieferroboter.
Eine Möglichkeit der Lösung sind Lieferroboter, die langfristig günstiger und zuverlässiger sind als menschliches Personal. Auch besteht vielerorts Knappheit bei geeigneten Personal im Expresszulieferbereich. Andere Möglichkeiten sind die Verbesserung der Kommunikation, Transparenz und Organisation entlang der Supply Chain. Zudem wird die Einführung von Blockchain und Künstlicher Intelligenz die Effizienz der Lieferkette enorm erhöhen. In China und Japan werden enorme Anstrengungen unternommen, um die letzte Meile durch Roboter zu automatisieren und effizienter und weniger fehleranfällig zu gestalten. Vorreiter wie die chinesische Meituan Dianping und das japanische Unternehmen ZMP engagieren sich im Bereich der Auslieferung von Lebensmitteln. Zudem investiert die Alibaba Group (Cainiao) zusammen mit der Damo Academy in den Aufbau einer Roboter-Lieferflotte.

Der in Tokio beheimatete Roboterhersteller ZMP hat bereits in 2019 Lebensmittel-Lieferroboter (DeliRo) entwickelt und sie überwiegend in Bürogebäuden, Wohnkomplexen und Universitäten getestet. Die kommerzielle Auslieferung von bestelltem Essen soll schon in 2022 in Tokio beginnen. DeliRo fährt auf Gewegen in Schrittgeschwindigkeit (6 km/ h) und nutzt dabei Kameras sowie Lasertechnik, um Kollisionen zu vermeiden. Er kann mit Menschen via Sprache und Gesichtsausdruck bzw. Mimik kommunizieren.

DeliRo wurde im Rahmen des Konzepts „RoboTown“ entwickelt – eine Stadt in der Menschen und Roboter koexistieren sollen. Künftig soll DeliRo auch Auslieferungen für die Japanische Post übernehmen.  Die japanische Regierung will dafür die Gesetze ändern, damit Roboter künftig legal Gehwege in Schrittgeschwindigkeit und Straßen ohne menschliche Begleitung nutzen dürfen. Die Nachfrage nach kontaktlosen Postlieferungen wird durch die weiterhin bestehende Pandemielage gefördert. Zudem besteht ein akuter Arbeitskräftemangel in der alternden japanischen Gesellschaft.
Die chinesische Shopping-Plattform Meituan hat im April bekannt gegeben, dass es zehn Milliarden US-Dollar (8,8 Milliarden Euro) in die Entwicklung von autonomen Fahrzeugen und Drohnen für Lieferdienste investieren wird.

Das Unternehmen testet autonome Lieferfahrzeuge (Geschwindigkeit 20 km/ h) in Peking seit Februar 2020. Seither hat es 35000 Bestellungen kontaktlos während der Corona-Pandemie ausgeliefert. Im April 2021 wurde die nächste Generation an Lieferrobotern auf den Markt gebracht, die mit einer Batterieladung 80 km Lieferradius aufweisen. Die Ladekapazität beträgt 150 kg. Die Roboter können Objekte und Menschen im Bereich von 150 m wahrnehmen und Kollisionen verhindern.

Zudem testet Meituan die Auslieferung von Lebensmitteln via Drohne, die Bestellungen zu ausgewählten Straßenkiosken liefern sollen. Allerdings wird für die Drohnenlieferungen nach wie vor Personal benötigt. Ein Kurier holt die Lebensmittel-Bestellung vom Verkäufer ab und bringt sie zum Abflugbereich der Drohnen auf einem Hochhaus. Ein Inspektor packt die Lebensmittel in die Drohne und macht sie startbereit. Diese kann bei 4 kg Eigengewicht 2,5 kg befördern.Dies entspricht ungefähr dem Gewicht von einem Mittagessen für zwei Personen. Falls z. B. nur ein Getränk bestellt wird, wird der restliche Laderaum verschwendet. Ob Drohnenlieferungen wirklich wirtschaftlich sind, muss noch untersucht werden. Die Frage bleibt natürlich, wie die Drohnenlieferung effizienter gestaltet werden kann.

Meituan will die überwiegende Anzahl seiner Lieferboten nicht ersetzen, sondern will eine Kollaboration von Menschen und Robotern. Die überfüllten Straßen von chinesischen Großstädten stellen für Lieferboten eine große Herausforderung dar. Alibabas Ele.me und die Handelsplattform JD.com haben ebenfallls in Drohnen-Lieferdienste investiert.

Alibaba setzt ab 2024 – zehntausend Lieferroboter ein.
Der Tech-Konzern Alibaba Group will eine gigantische Lieferrobotor-Flotte einsetzen, um der gewaltigen Flut an Paketen Herr zu werden, die über die eigenen Handelsplattformen Alibaba, Aliexpress, Taobao und Tmall bestellt werden. Lieferroboter gelten als schnell, zuverlässig und relativ günstig im Vergleich zum Personeneinsatz, um die gewaltige Anzahl an Bestellungen zu erfüllen. Laut Alibabas Leiter der Technologieabteilung Cheng Li gehören autonome Fahrzeuge zu den Schlüsseltechnologien des digitalen Zeitalters. Daher hat der Konzern damit begonnen, zunächst über 1000 Lieferroboter mit dem Namen „Xiaomanly“ (auf Deutsch kleiner Esel) auf Universitätsgeländen und in Stadtgemeinden in China einzusetzen. Bis 2024 sollen rund 10000 Lieferroboter in Dienst gestellt werden, was zu einer täglichen Auslieferkapazität von einer Million Paketen führen würde.

Die Roboter wurden von Alibabas Damo Academy zusammen mit dem eigenen Logistikarm Cainiao entwickelt. Die Kapazität der kleinen Esel liegt bei 50 Paketen pro Fahrt und rund 500 Paketen pro Tag und Lieferroboter. Ende September 2021 hatte die Xiaomanly-Flotte bereits eine Million Pakete seit ihrer Einführung ausgeliefert. Dabei wurden Kunden in 52 Städten in 22 verschiedenen chinesischen Provinzen beliefert.

Die Roboterfahrzeuge werden an lokalen Kurier-Abladestellen beladen und können rund 100 km mit einer Batterieladung zurücklegen. Allerdings können die kleinen Esel bisher noch keine Treppen erklimmen. Die Technologie soll aber schrittweise verbessert werden. Künstliche Intelligenz (KI) plant den kürzesten Weg von der Abholstation zur jeweiligen Kundentür. Xiaomanly kann Bewegungen von Objekten wie Fußgängern und Fahrzeugen durch einen Berechnungsalgorithmus für fünf bis zehn Sekunden voraussagen und dadurch Kollisionen mit einer Genauigkeit von 99,9999 Prozent vermeiden. Dies entspricht einem hohem Automatisierungsgrad von 4 auf einer Skala von 0 bis 5.

Ein Automatisierungsgrad von 5 scheint bisher unerreichbar, da besonders auf stark befahrenen Straßen die Verarbeitung einer unglaublichen Fülle an Daten notwendig wäre. Die kleinen Esel fahren allerdings für die Auftragserfüllung auf der letzten Meile relativ langsam auf Gehwegen und Randstreifen in einer kontrollierbaren Umgebung, daher ist Automatisierungsgrad 4 ausreichend. Zur Navigation nutzen sie GPS, eine Cloud Computing-Plattform, 3D Point Cloud Semantic Segmentation (PCSS) Technology und High Definition Position Technology.

Die Lieferroboter erlernen dabei durch KI schrittweise ihre Umgebung. Zuvor wurden die KI-Algorithmen schon mit 10000 simulierten Szenarien trainiert, wie beispielsweise das Auftreten von Extremwetter und schlechten Sichtverhältnissen. Künftig sollen die kleinen Esel beispielsweise Gabelstapler in Produktionshallen bzw. in Logistikzentren ersetzen, medizinischen Abfall in Krankenhäusern entsorgen und Gepäck auf Flughäfen transportieren. Laut Wang Gang, Leiter des Autonomous Driving-Labors bei der Damo Academy, wird die gleiche Technologie nun für größere autonome Lieferfahrzeuge in Kooperation mit Cainiao eingesetzt. Die größeren autonomen Lkw werden schon ab 2024 Güter über längere Distanzen in kürzerer Zeit ausliefern können und dann zum normalen Straßenbild gehören.

Globale Nachfrage nach Lieferrobotern steigt rasant.
Laut der amerikanischen Fachzeitschrift Robotics 24/7 soll der weltweite Markt für Lieferroboter von 212 Millionen US-Dollar (186 Millionen Euro) in 2021 auf 842 Millionen Euro in 2026 expandieren. Dies entspricht einer jährlichen kumulierten Wachstumsrate von 35,1 Prozent. Große Online-Händler wie Meituan, Alibaba, Amazon und JD entwickeln alle aktiv zusammen mit Technologiefirmen für autonome Systeme Lieferroboter und Drohnen. Andere internationale Firmen, die Lieferroboter entwickeln, sind Daxbot, Eliport, Postmates, Refraction AI, Tortoise und Unity Drive Innovation. (DR)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 1/2022

 

Smarte Logistik 4.0

Autonome Roboter für eine pfiffige Lager-Automatisierung, KI-unterstützte Kameras zur Behältererkennung und -verfolgung ohne jeden menschlichen Eingriff und Digitale Zwillinge für das physische Lager oder die planende Lieferkette zeigen den Aufbruch in eine digitale Logistikwelt. Wir blicken auf 12 wichtige Handlungsfelder, die den Paradigmenwechsel zu einer Logistik 4.0 treiben.

Gastbeitrag: Wolfgang Keplinger.

  1. ICH, LOGISTIK-ROBOTER
    Smarter Produktivitätsbooster @ Null-Fehler

Früher hatte man entweder ein manuelles oder ein sehr starr automatisiertes Lager mit teuren, schweren Regalbediengeräten. Die intelligente Lager-Automatisierung  mit smarten und flexiblen Lager-Robotern ist einer der bedeutendsten aktuellen Trends in der Logistik. Zu den smarten Automatisierungsmöglichkeiten im Lager gehören:

  • Automatisierte Shuttle-Lager mit vielen kleinen Robotern/Shuttles anstelle der großen, schweren und wenig flexiblen Regalbediengeräte
  • Pick-Buddies, (z.B. von Locus, Geek+ oder 6River Systems) die die manuell gepickte Ware beim Kommissionierer abholen und zum Versand bringen
  • Shelf-Buddies, (z.B. von Amazon oder Swisslog) die ganze Regale zur Pick-Station bringen, wo dann manuell kommissioniert wird
  • Konzeptionell gänzlich neue, smart automatisierte Lagertypen wie
    • Autostore, das ohne Regal auskommt und durch das direkte Stapeln der Behälter eine enorme Lagerdichte erzielt
    • Servus, ein Shuttle-System, bei dem die Roboter auf Schienen bis in die Produktion fahren und die gepickten Behälter direkt an die Montagelinie übergeben
    • Exotec, ein Shuttle-System, bei dem die Shuttles selbständig die Vertikalbewegung (Klettern am Regal) übernehmen, ansonsten aber frei und autonom verfahrbar sind
  • Autonome Pick-Roboter (z.B. von Magazino oder identytec), die selbständig picken bzw. das Material/die Behälter in den Lagerplatz verräumen
  • Cobots, die Picken bzw. Behälter entstapeln, sortieren, entleeren und anstellen
  • Autonomous Mobile Robots (AMRs) die sich selbständig und autonom im Lager neben den dort arbeitenden Mitarbeitern bewegen und als Unterfahr-/Stapel-/KLT-FTF Material und Behälter transportieren und bewegen
  • Autonome Routenzüge (z.B. von Schiller, Linde oder Asti) für den Transport auf den Routen mit dem starken Transport-Volumen

Alle roboter-basierte Lösungen zeichnen sich durch eine deutlich erhöhte Produktivität und eine weitgehende Fehlerfreiheit aus. Dabei sind die Systeme intelligent, teilweise autonom, kollaborativ, flexibel und agil, skalierbar, elektrisch, energieeffizient und plug&play-fähig. Sie helfen, Mitarbeiter von schweren, unergonomischen Handlings-Aktivitäten zu entlasten und übernehmen vielfach diejenigen Arbeitsschritte, die langweilig, schwierig oder unter Lean-Gesichtspunkten nicht wirklich wertschöpfend sind (z.B. lange Transportwege).

  1. ENDLICH BEIDHÄNDIG
    Wearables befreien die Mitarbeiter

Der mittlerweile fast schon traditionelle Scanner in der Logistik hilft den Mitarbeitern, Material eindeutig zu identifizieren und Materialbewegungen (z.B. Einräumen in einen Lagerplatz / Picken von einem Lagerplatz) sicher zu dokumentieren. Aber der traditionelle Handscanner beschäftigt die Mitarbeiter mit Suchen, wo der Scanner ist, oder mit dem Greifen/Wegstecken des Scanners. Damit zieht der Scanner die Arbeitsfolgen sequentiell in die Länge, denn der Mitarbeiter ist entweder mit dem Scanner beschäftigt oder er geht/fährt durch das Lager.

Der große Nutzen, den die Logistik 4.0 für manuelle Arbeitsplätze erbracht hat, ist es, den Mitarbeitern die Hände wieder für die primär wertschöpfenden Logistik-Tätigkeiten freizuspielen: für das Handling des Materials bzw. für das Fahren von Staplern oder Routenzügen. Frei nach dem Motto: „automate it or wear it“, sollten alle Arbeiten in der Logistik, die nicht wirtschaftlich automatisiert werden können, und somit manuell bleiben, durch Wearables unterstützt werden. Diese Wearables (X-by-Technologien, Handschuhe, Ringe) sind die technologische Lösung, um die Informationsmitteilung bzw. -bestätigung unabhängig von den Händen zu machen, so dass diese für die Kernaktivitäten der manuellen Logistik verfügbar sind: Handling und Lenken. Und damit werden die Prozesse schlanker, denn die Informationsmitteilung bzw. die Bestätigung wird in die wertschöpfenden Kernarbeitsschritte integriert.

Die aktuell wichtigsten Wearables, die den Mitarbeitern ein frei-/beidhändiges und somit ergonomisches und produktives Arbeiten ermöglichen, sind Pick-by-Voice, Pick-by-Vision/Smart Glasses, Gabel-Stapler Gabel-Scanner, Scanner-/RFID-Handschuhe, Daten-Uhren und NFC- und Smart Motion Ringe, die die Steuerung von Zugangskontrollen, Qualitätskontrolle und Ausführungsbestätigungen unterstützen.

Die Wearables erhöhen die Produktivität der Mitarbeiter, die die Wearables tragen. Was aber mindestens so wichtig ist: sie verbessern die Ergonomie der Mitarbeiter und sie reduzieren Fehler.

  1. NO-TOUCH-LOGISTIK
    Jeder weitere Schritt wäre Verschwendung

Einer der größten Aufwands- aber auch Zeittreiber in der Logistik ist die Anzahl der notwendigen Handlingsschritte, d.h. wie oft ein Behälter/eine Palette/ein Karton angegriffen, aufgenommen, abgestellt, umgestellt, eingelagert, ausgelagert, auf- oder abgestapelt oder bereitgestellt wird.

Bezüglich einer handlingsarmen No-Touch Inbound-Logistik gibt es folgende Alternativen (beginnend mit der schlankesten Alternative):

  • Warehouse on Wheels (WoW): Die Materialien werden direkt im Trailer/in der Wechselbrücke in der Nähe des Verbau-Ortes der Materialien bereitgestellt und erst bei Bedarf dem Trailer/Wechselbrücke entnommen und sofort verbaut. WoW wird in der Regel für großvolumige Schnelldreher angewandt, die in einem JIT-/JIS-Modus geplant und bereitgestellt werden, denn es gibt bei diesem Bereitstellungsmodus keine logistische Wareneingangskontrolle.
  • Dezentraler Wareneingang / Ship-to-Line: Hier werden die Materialien de-zentral, d.h. Liniennahe angeliefert, werden ausgeladen und stehen dann in Form von kleinen Puffern mit einer geringen Reichweite (wenige Stunden) direkt am Verbau-Ort zur Verfügung. Auch diese Bereitstellung wird primär für schnelldrehende Materialien im JIT-/JIS-Modus angewandt, hat aber durch die sofortige Entladung vom LKW einen Handlingsschritt mehr als WoW. Dafür werden weniger Gates benötigt und die LKW können in der Regel mehr als ein Material anliefern.
  • Zentraler Wareneingang / Ship-to-Stock: Hier werden Materialien traditionell bei einem zentralen Wareneingang angeliefert, mit den üblichen Kontrollen bezüglich richtiger Materialnummer in der richtigen Anzahl, im richtigen Behälter und Label, unbeschädigt angeliefert. Dieser Prozess eignet sich für alle mittel- und langsamdrehenden Materialien. Ship-to-Stock erfordert aber zusätzliche Handlingsschritte durch die Einlagerung im Zentrallager (d.h. produktions-/montagelinienferne Lagerung) und die bedarfsgerechte Bereitstellung an der Linie oder im Supermarkt durch die Logistik.

  1. DATEN | DATEN | DATEN
    Die transformative Kraft datengestützter Erkenntnisse

Die aktuellen Ansatzpunkte der Big Data Analytics sind:

  • Zusammenhänge finden, die bisher nicht gefunden wurden. Dabei helfen moderne grafische Analysetools (Graph-Analytics, z.B. von Tableau, Y42, Visplore, …), die ein intuitives Arbeiten mit großen Datenmengen erlauben. Um zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen Anlagen im Markt, Anlagenausfällen und benötigten Ersatzteilen herzustellen und damit die Verfügbarkeit der Ersatzteile in der richtigen Region rechtzeitig sicherzustellen.
  • Bedarfe und notwendige Kapazitäten richtig(er) vorherzusagen. So wie es Amazon macht und aus dem Absatz von Vergleichs-/Referenzprodukten, Testregionen oder dem Verhalten bestimmter Kundengruppen/-cluster auf zukünftige Bedarfe hochrechnet und dann die einzelnen Artikel in einer bedarfsgerechten Menge vorab in die einzelnen Customer Fulfillment Center legt. Noch lange bevor der tatsächliche Kundenbedarf entsteht oder gar die Kundenbestellungen vorliegen.
  • Echtzeit-Simulation und Optimierung von Lieferketten. Das in Spanien/USA ansässige Startup Factic bietet z.B. eine SaaS-Plattform, die prädiktive Analyselösungen für die Lebensmittel- und Getränkeindustrie bereitstellt. Dazu werden Data-Mining- und KI-Techniken genutzt, um Daten aus internen und externen Quellen zu analysieren und zukünftige Verkäufe vorherzusagen. Aus den prognostizierten Nachfrageabweichungen werden datengestützte Entscheidungen abgeleitet, um die Beschaffung zu automatisieren. Oder Flexport, ein Start-up aus San Francisco, analysiert cloud-basiert und in Echtzeit Materialvolumina von Importeuren, Exporteuren, Spediteuren, Fluglinien, Schifffahrtslinien, Häfen, Flughäfen und von Zollbehörden, die an einzelnen Häfen/Flughäfen/Logistik-Knotenpunkten erwartet werden. Damit wird gesteuert, über welche Knotenpunkte Sendungen geschickt werden sollen, um möglichst rasch ins Land und zu den Kunden zu gelangen.

 

  1. NACH IHREM BEDARF
    Marktplätze für alles

Der dahinter liegende Logistiktrend ist die „elastische Logistik“, die es Unternehmen ermöglicht, ihre Lieferketten in Zeiten schwankender Nachfrage effizienter zu gestalten. Das gelingt durch eine bedarfs-entsprechende Vergrößerung oder Verkleinerung des logistischen Netzwerkes. D.h. die ehemals fixen eigenen Assets werden ersetzt durch Logistik-Leistungsangebote, die am Markt kurzfristig dazugekauft oder zurückgegeben werden.

Basis für eine elastische Logistik sind Marktplätze für Transporte, Läger oder die Letzte Meile. Die Transport-Marktplätze bringen den Bedarf an Transportkapazität und das Angebot der Spediteure kurzfristig zusammen. Diese Marktplätze gibt es schon länger, sie existieren für LKW-Ganzladungen, für LTL-Verkehre aber auch für Stückgut. Die neueren Lager-/Warehouse-Marktplätze machen das gleiche im Bereich von Lagerraum und bringen dort flexibel und kurzfristig Angebot und Nachfrage zusammen. Einige bekannte Lager-Marktplätze sind Flexe, Stowga, Stord, Hive, storingcargo oder log-hub. Und schließlich die letzte Meile-Marktplätze, die deshalb von großer Bedeutung sind, weil damit einer der größten Einzel-Kostenblöcke (meist mindestens ein Drittel der gesamten Zustellkosten). So arbeitet z.B. Walmart in den USA zur Zeit an einem Piloten mit einem Letzte-Meile-Marktplatz, um die Express-Lieferungen zeitgerecht zuzustellen. Amazon hat die Plattform Amazon Flex angekündigt, das auf „Auf-Abruf-Dienstleister“ zurückgreift, um die Ausweitung des Prime One Day Lieferprogramms zu beschleunigen.

 

  1. HELLSEHEREI
    Wissen, wo sich ihr Material befindet – jederzeit und überall

Durch die sensorbasierte Verbindung von Objekten/Gegenständen/Sendungen mit dem Internet (IoT) wissen wir praktisch in Echtzeit fast alles über den Zustand dieser verbundenen Sendungen: neben der Lokation kennt man entweder die Qualität der ankommenden Sendung im Detail, oder man kann rechtzeitig eingreifen, bevor ein qualitativer Schaden (z.B. durch Hitze) passiert. Dabei kann die neueste Generation von mikroskopisch kleinen Sensoren (z.B. von RVMagnetics) helfen, diesen logistischen Zustand genau zu erfassen und zu verfolgen. Die Anwendungen für mit dem Internet verbundenen Logistiksensoren sind mittlerweile mannigfaltig: sie helfen Logistik-Gebäude klimatechnisch besser, effektiver und „grüner/nachhaltiger“ zu steuern. IoT-Systeme für das Flottenmanagement (z.B. Fleetroot) optimieren den Einsatz von Fahrzeugen in Logistikflotten. Oder Echtzeit-Überwachungssysteme für Container (z.B. das vom IoT-Startup Globe Tracker) helfen, diese einfacher zu verfolgen oder zu finden.

Ein Beispiel dafür sind die Service-Angebote von Roambee, einem Unternehmen, das ein System zum Monitoring von Lieferketten anbietet, bestehend aus Sensoren, über IoT verbunden mit einer Plattform bzw. mit einem Control Tower zur Überwachung und Verfolgung von Lokation, Sicherheit und Zustand der Materialien in der Lieferkette. Und das flexibel auf Abruf, d.h. als Logistics-as-a-Service. Ohne Investments für den Anwender.

Durch diese immer feinere und echtzeit-basierte Verfolgung einzelner Sendungen wird sich das aktuell eher reaktive Tracking & Tracing zunehmend in ein proaktives Management der erwarteten Ankunftszeit verwandeln (ETA = expected time of arrival). Damit wird die rückwärtsgerichtete Frage, „wo ist jetzt gerade mein Material unterwegs“, immer mehr der Frage weichen „wann wird mein Material ankommen“ und „was muss ich ggfs. tun, um die Kundenerwartungen trotz Abweichungen vom geplanten Zulauf dennoch wie geplant erfüllen zu können“?

 

  1. SUPER-MODELS
    Eine virtuelle Darstellung von allem

Digitale Zwillinge sind eine einzigartige virtuelle Darstellung eines potenziellen oder physischen Objekts oder Prozesses. In der Logistik gibt es mittlerweile Digitale Zwillinge für Läger/Distributionszentren. Dabei handelt es sich um 3D-Modelle eines konkreten Lagers, um damit die Auslastung und Lagerplätze optimieren zu können, für den täglichen Betrieb die Volumen-/Materialströme simulieren und Engpässe vermeiden zu können oder die Schicht- und Arbeitszeiten so anzupassen, dass die bestmöglichen Leistungen und Kundenservices erreicht werden. dm hat 2020 den deutschen Logistikpreis für sein neues Distributionszentrum in der Wustermark erhalten. Auf Basis von digitalen Zwillingen für alle belieferten Filialen werden im Distributionszentrum die Waren für die jeweilige Filiale so gepackt, dass filialspezifisch der Regal-Einräumprozess möglichst aufwandsarm erfolgen kann. D.h. das Distributionszentrum berücksichtigt bei der Colli-Bildung welche Materialien in einer spezifischen Filiale nebeneinander im Regal liegen.

Logistik-Zwillinge gibt es aber auch für gesamte Lieferketten. Dann wird diese Lieferkette vom Lieferanten über die einzelnen Lieferstufen bzw. über die Logistikdienstleister hinweg in einem digitalen Zwilling abgebildet. Diese digitalen Zwillinge dienen dann dazu, die planenden und steuernden Prozesse der Logistik zu optimieren. Mit diesen Zwillingen werden z.B. im Control Tower die Lieferketten gesteuert. Es wird erkannt, wie sich Engpässe auf die Lieferkette auswirken, bzw. welche Verbesserungsmaßnahmen notwendig sind, um die Auswirkungen auf den Kunden-Lieferservice möglichst gering zu halten oder die Kosten für Express-Transporte nicht explodieren zu lassen.

  1. PROGRAMMIERTE WISSENSERWEITERUNG
    Wie von Zauberhand

KI (Künstliche Intelligenz) ist in Kernbereichen der Logistik inzwischen fest etabliert und führt zu einer deutlichen Effizienz-, Qualitäts- und Produktivitätsverbesserung. Zu den Kern-Anwendungsbereichen der KI in der Logistik gehören:

  • Prädiktive Nachfragevorhersagen – im Bereich der Logistikplanung, als Basis für zukünftige Kundenbedarfe, als Input für S&OP-Prozesse. Die sichere Erkennung und Vorhersage von Kundenbedarfen lange bevor sie sich tatsächlich realisieren ist die Basis für robuste Lieferketten mit einem hohen Kundenservicegrad. Das neuseeländische Start-up Insite bietet z.B. KI-basierte Softwarelösungen für Preisvorhersagen, Nachfrageprognosen und die Optimierung von Abläufen und Prozessen an, die vor allem in der Konsumgüterindustrie und im Einzelhandel eingesetzt werden.
  • Routenoptimierung – sowohl im Bereich der Letzten Meile der Zustellung als auch für AMRs im Lager oder auf dem Fabrikgelände. Das australische Startup Adiona entwickelt KI-basierte Optimierungssoftware-as-a-Service (OSaaS), mit der Unternehmen ihre Logistikprozesse verbessern und Kosten senken können, indem Lieferrouten statisch und dynamisch optimiert werden.
  • Prozessautomatisierung basierend auf der intelligenten Erkennung von handschriftlich ausgefüllten Formularen (KI-basierte OCR-Erkennung). Damit können in internationalen Lieferketten viele manuelle Papier-/Formular-Prozesse deutlich vereinfacht, standardisiert und beschleunigt werden.
  • Visuelle Bilderkennung – KI-unterstützte smarte Kameras erkennen Behälter, Label, Personen, Maschinen, Stapler und zeigen diese immer fehlerfreier und mit einer immer größeren Zuverlässigkeit an. Damit wird es den AMRs möglich, selbständig ihre Routen zu finden, auch wenn sich diese oder die Hindernisse in den Routen dynamisch verändern. Andere Anwendungen unterstützen beim raschen und sicheren Zählen von Materialien in Behältern, beim Erkennen von Label im Zuge drohnengestützter Inventur, bei der Erfassung von Behältern im Leergutlager oder bei bildschirmgeführten und kontrollierten Packvorgängen.

 

  1. FAHRER VERLOREN
    Wer steuert da im Hintergrund?

Die Experten unterscheiden in die Kategorien des assistierten Fahrens, des automatisierten und des autonomen Fahrens. Der aktuelle Entwicklungsstand in Deutschland liegt gerade beim Erreichen des Levels 3 –  des automatisierten Fahrens. Damit werden erste Fahrzeuge (z.B. Audi A8, Daimler S-Klasse) für das hochautomatisierte, selbständige Fahren auf Autobahnen bei Geschwindigkeiten unter 60 km/h und in Stausituationen vollständig an den Fahr-Computer übergeben, der Fahrer hat dann keine Kontrollpflicht mehr. Im Bereich der Logistik gibt es drei Hauptanwendungsbereiche des autonomen Fahrens:

  • Fahrerlose LKW – TuSimple, ein amerikanisches Start-up, hat sich auf die technologische Ausstattung von LKW zum autonomen Fahren spezialisiert. Das Unternehmen ist zur Zeit führend mit seinen Level 4 Fähigkeiten für die USA, bei dem das Fahrzeug bestimmte Autobahnabschnitte völlig selbständig bewältigt und der Fahrer die Fahrzeugführung vollständig abgegeben kann.

In Europa bietet die schwedische Firma Einride einen fahrerlosen LKW an. Sein futuristisches Fahrzeugdesign ohne Fahrerkabine zieht die Blicke auf sich bei den ersten Fahrten auf öffentlichen Straßen zwischen zwei Logistik-Hubs vom Anwendungspartner DB Schenker.

  • Autonome Fahrzeuge für die Intralogistik – hier hat sich in den letzten Jahren die Entwicklung von AGVs (Automated Guided Vehicles – berührungslos geführte Fahrzeuge), die unabhängig von der Führungstechnologie auf mehr oder weniger fest definierten Routen unterwegs waren zu den AMRs (Autonomous Mobile Robots) vollzogen, die wirklich autonom unterwegs sind, frei die Route wählen und auch Hindernissen problemlos ausweichen können.
  • Zustell-Rovers für die letzte Meile – diese autonomen Roboter fahren auf öffentlichen Straßen und vor allem auch auf Gehwegen und übernehmen die Hauszustellung von e-commerce-Bestellungen oder vielfach auch die Zustellung von Essens-Bestellungen aus Restaurants.

 

  1. ALLES AUTOMATISIERT
    Prozessautomatisierung nicht nur physisch im Lager

Mit der neuen Blockchain-Technologie und der RPA (Robotic Process Automation) stehen nun Technologien bereit, die auch eine Automatisierung von bisher manuellen/Back-Office-Prozessen ermöglichen. Die Blockchain-basierten Smart Contracts erlauben die automatische Ausführung von Prozessschritten, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Der Vorteil dieser Smart Contracts liegt auch darin, dass diese Bedingungen nicht unbedingt vor Ort gegeben sein müssen, sondern die Prozesse auch aus der Ferne getriggert werden können. Damit ist die Blockchain-Technologie dafür geeignet, den Informations-/bisherigen Papierstrom in Lieferketten zu automatisieren. Zahlungen können ausgelöst werden bzw. ein Eigentums- oder Verantwortlichkeitsübergang kann bestätigt werden, wenn bestimmte physische Zustände eingetreten sind (wie z.B. Ware im Hafen XY angekommen) oder wenn bestimmte Papiere wie Frachtbriefe an bestimmten Orten erfasst wurden. Auf diese Weise kann auch die Zollabwicklung vereinfacht und (teil-) automatisiert werden. Das Start-up Steamchain erlaubt z.B. blockchain-basierte Zahlungen, das Start-up Shipchain bietet eine Lösung für eine weltweite Sendungsverfolgung.

RPA (Robotic Process Automation) ermöglicht die kostengünstige Automatisierung von sich wiederholenden einfachen Aufgaben (z.B. Daten-Transfer zwischen verschiedenen EDV-Systemen), eliminiert dabei menschliche Fehler und reduziert die Gemeinkosten. RPA-Software führt zum Beispiel Vorgänge wie die Rechnungsverarbeitung, die automatische Speicherung von Informationen in Prüfprotokollen oder die automatische Eingabe einer Bestellung durch.

  1. NACHHALTIG GRÜN
    Unserem Planeten zuliebe

Die in der Vergangenheit eher kleinteiligen Verbesserungen in Richtung einer grünen Logistik, haben sich in den letzten Jahren in eine ernstzunehmende Anwendung von umweltfreundlichen Technologien und Praktiken gewandelt. Viele Unternehmen arbeiten nunmehr an der bekannten 4V-Strategie, um die Logistik nachhaltiger zu machen: Vermeiden, Verlagern, Vermindern, Vergüten. So hat z.B. Gartner bei den Supply Chain Top 25 als ein Learning von den Besten festgestellt, dass diese nachhaltig an der Reduktion des CO2-Fußabdrucks arbeiten, vielfach auch in enger Zusammenarbeit mit ausgewählten Lieferanten oder Kunden. Die wichtigsten Nachhaltigkeits-Trends in der Logistik sind:

  • Verringerung des Transportaufkommens durch bessere Planung, bessere Bedarfsprognosen, Bündelung von Transporten gemeinsam mit Lieferanten und Kunden, um die teilweise 40% Leerfahrten von LKW zu reduzieren. Nach all den Aktivitäten in Richtung same day/2-h deliveries bietet Amazon nun in den USA den Kunden auch die Möglichkeit an, eine Zustellung nur innerhalb der nächsten 6 Tage auszuwählen, um Transporte bündeln und somit Fahrten reduzieren und die Zustellung somit nachhaltiger machen zu können.
  • 0-Emission-Fahrzeugflotten – Umstellung der Fahrzeugflotten auf voll-elektrische Fahrzeuge bei den Logistik-Dienstleistern. So hat z.B. DHL schon in den letzten Jahren insgesamt 20.000 vollelektrische Streetscooter in Betrieb gestellt und plant in den nächsten Jahren noch weitere 100.000 in die Flotte zu nehmen. Oder Amazon, das 100.000 vollelektrische Zustellfahrzeuge bei Rivian bestellt hat.
  • Geschlossene Logistikkreisläufe für Behälter bzw. wiederverwendbare Verpackungen –

ermöglicht durch neue Start-ups, die industriellen Kunden aber auch Endverbrauchern einen geschlossenen Verpackungskreislauf anbieten. Dazu zählen Unternehmen wie Loop, RePack, Returnability oder The Wally Shop. Oder Ikea, das gerade neue, umweltschonende und rezyklierbare Verpackungen aus nachwachsenden Pilzen (z.B. von Ecovative) testet.

  • Logistikgebäude ohne CO2-Emission. Neben der Nutzung der Dächer von Logistiklägern zur Strom- oder Wärmeproduktion mittels Solardächern, geht es nun mehr und mehr darum, durch intelligente IoT-basierte Sensoren die Energiesteuerung (Licht, Wärme, Kälte) weiter zu optimieren und zu verbessern.

 

  1. SEHEN UND GESEHEN WERDEN
    Zuverlässige Bilderkennung von allem

Die Firma identpro bietet zur Zeit eine sensorbasierte Lösung für die scannerfreie Behälter-/GLT-Verfolgung mittels Stapler an. Dabei werden die Stapler mit verschiedenen Sensoren ausgestattet, zur kontinuierlichen Bestimmung der aktuellen x-/y-Koordinate des Staplers im Raum und einem Höhensensor auf der Gabel zur Bestimmung der z-Koordinate. Bei jeder Änderung der Gabel-Beladung werden die x-/y-/z-Koordinaten in eine Datenbank weggeschrieben (digitaler Zwilling). Damit kann mit einer einzigen, einmaligen Erfassung eines GLTs oder einer Palette (ein einziger Scan z.B. am Wareneingang) in Echtzeit jede aktuelle Lokalisierung einer jeden Palette/GLTs über den digitalen Zwilling ermittelt werden. Das ist eine funktionierende Lösung zur scannerfreien aber dennoch zuverlässigen Materialverfolgung von GLTs/Paletten mittels Stapler.

An einem der wahrscheinlich wirkungsvollsten technologischen Trends wird zur Zeit noch gearbeitet: die automatisierte, KI-kamera-basierte Behälterverfolgung ohne Label-Scannung. Beim Computer-Vision-Ansatz werden KI-basierte Kamerasysteme verwendet, die kontinuierlich sowohl von fixen Plätzen aus (z.B. montiert an der Decke einer Produktions- oder Lagerhalle) bzw. von mobilen Plätzen (auf AMR/Routenzügen/Staplern) jede Bewegung im Sichtfeld der jeweiligen Kamera verfolgen und intelligent identifizieren. Die Software stellt dann sicher, dass die Bewegung eines jeden Behälters lückenlos mitverfolgt wird (angeboten z.B. von logivations). Dabei wird auf KI-Unterstützung zugegriffen. Auch wenn diesbezügliche Lösungen sich noch vielfach in Pilot- und Testanwendungen befinden, zeichnet sich hier eine der spannendsten Entwicklungen für die nächsten Jahre ab, die die Intralogistik wirklich revolutionieren kann.

Die KI-basierte Label-Erkennung ist heute schon Standard bei den am Markt befindlichen Inventurdrohen und funktioniert dort schon fehlerfrei. Die Anwendung von KI-basierten Kamerasystemen am Wareneingang, um eine vollautomatisierte Logistikprüfung (richtige Ware, richtige Menge, übereinstimmend mit der Bestellung, richtiges Label, richtige Verpackung, und transportschadenfrei angeliefert) ist nur eine natürliche Weiterentwicklung dieser Kamera-Wundersysteme. Damit wird sich dann auch der Wareneingang der One-Touch-Logistik nähern, noch produktiver werden, und eine der Voraussetzungen für eine zukünftig dann automatisierte Entladung der LKW schaffen.

Nicht alle der 12 Handlungsfelder sind für alle Unternehmen gleich relevant. Es gilt, Schwerpunkte zu setzen in Abhängigkeit von den Branchenanforderungen und der bereits realisierten Logistik 4.0-Roadmap. Was aber sicher ist: unter den 12 die Logistik grundsätzlich verändernden Handlungsfelder sind wahrscheinlich mindestens 8 mit echter Handlungsrelevanz für jedes einzelne Unternehmen. Identifizieren Sie Ihre Top-Veränderungsbereiche und starten Sie möglichst rasch mit der Umsetzung. Die Themen sind spannend, denn noch nie hat es so viele technologische Neuerungs-Chancen in der Logistik gegeben wie heute.

 

LOGISTIK express Journal 5/2021

TECH DAY 2021

120 hochkarätige Besucher:innen bei Österreichs führendem Tech-Event, dem TECH DAY 2021. Retail Innovation Awards verliehen an den jö-Bonusclub, Hornbach & Hervis.

Beitrag: Julia Gerber.

Das digitalaffine Who is Who der Handelsbranche hat sich am 18. November beim alljährlichen TECH DAY des Handelsverbandes im 35. Stock des ThirtyFive getroffen. Der traditionelle Pflichttermin für die österreichische Onlinehandelsszene sowie Brancheninteressierte fand bereits zum 10. Mal statt, corona-bedingt dieses Mal unter strengsten 2G+ Vorschriften. 120 Teilnehmer:innen verfolgten das von Handelsverband-Präsident Stephan Mayer-Heinisch und Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will eröffnete TECH-Event. Anschließend gab es eine starke Keynote unter dem Motto “Neustart Österreich. Besser als es jemals war.” von Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger.

Unter dem Kongressmotto “The Future of Retail Technology” durfte das Publikum dieses Jahr dem Best Practice Beispiel von Pauline Schreuder (Nespresso) & Bernd Schuh (Cope Content Performance Group) lauschen, gefolgt von zwei Pecha Kucha Slots: Josef Grabner (LINK Mobility) präsentierte Conversational Marketing: Messaging 2.0 für Handel & eCommerce und Bernhard Hofbauer (A1) sprach über Smart Retail mit IoT & Analytics. Richard Proidl (NFON) teilte das Best Practice Beispiel “Fressnapf in der Cloud”, Michael Schuster (Speedinvest) verriet, wie QuickCommerce und Marktplätze die Wertschöpfungsketten und damit die Handelswelt verändern und Christoph Mammerler (CRIF) erklärte am Beispiel ESG Transparency Plattform, wie nachhaltiges Handeln heute funktioniert.

Im Podium “Payment Trends powered by P19 Payment Pioneers” mit Martin Sprengseis-Kogler (bluesource), Petia Niederländer (OeNB), Christian Renk (PAYONE) und Christian Hana (Unzer), das von der wunderbaren Birgit Kraft-Kinz (KRAFTKINZ) moderiert wurde, drehte sich alles um die Zahlungstrends der Zukunft. Franz Tretter (hello again) sprach über “Kundenbindung 4.0”, während Sabine Walch (Capacity Blockchain Solutions) die Teilnehmenden über cryptoWine staunen ließ: Österreichischer Qualitätswein, der per NFT ersteigert werden kann. Durch das Startup Zapping führte Isabel Lamotte (Handelsverband), bei dem fünf spannende Elevator Pitches stattfanden: Boomerank, We Ship, Jentis, inoqo und Fincredible durften ihre digitale Lösung für Handelsunternehmen präsentieren. Zu den Schwerpunkten des Events zählten dieses Mal: digitale Cloudlösungen, Conversational Marketing im eCommerce, Zahlungstrends, Kundenbindungslösungen, Kryptowährungen & NFT und Logistiklösungen. Darüber hinaus wurden bereits zum 6. Mal die begehrten Retail Innovation Awards in drei Kategorien vergeben:
* Best In-Store Solution
* Best Online bzw. Mobile Solution
* Best Omnichannel Innovation

60 Einreichungen, 15 Nominierte, 3 Sieger
Hornbach, Hervis und jö Bonus Club heißen die drei Sieger der diesjährigen “Austrian Retail Innovation Awards”. Mit dem Preis werden in Österreich tätige Handelsunter-nehmen für den Einsatz herausragender, innovativer Technologie-Lösungen ausgezeichnet. Die begehrten Trophäen wurden heuer zum bereits sechsten Mal vergeben – erneut in Zusammenarbeit mit Huawei als Schirmherr und Trending Topics als Medienpartner.

“Wir sind sehr stolz und freuen uns, mit jö&GO! eine Innovation made in Austria für unsere jö Mitglieder etabliert zu haben. Damit machen wir das Einkaufen mit jö nicht nur einfacher und bequemer, sondern stiften zudem den jö Mitgliedern einen täglichen Nutzen”, freut sich das Geschäftsführer-Duo Hanna Maier und Mario Günther Rauch.

“Das gesamte Hervis-Team freut sich riesig über die Auszeichnung mit dem Retail Innovation Award 2021 in der Kategorie ‚Best Online Solution‘. Für uns als Omnichannel-Vorreiter in Österreich ist der Award eine klare Bestätigung dafür, dass wir mit unserer Digital-Offensive und der zukunftsweisenden Verzahnung von On- und Offline-Einkaufserlebnis auf dem richtigen Weg sind. Gleichzeitig bieten wir unseren Kundinnen und Kunden im Rahmen unserer Omnichannel-Strategie auch österreichweit mobilen Zugang zu den Beratungsservices des Hervis Teams in den Stores vor Ort. Damit profitieren alle Hervis-Kunden sowohl in unseren Stores als auch online – zu Hause oder unterwegs – von unserer exzellenten Beratung und einer Reihe zusätzlicher Services“, ist Joel Hornstra, Leiter Internationales Projekt- und Prozessmanagement bei HERVIS, stolz.

Oliver Seda, Vorsitzender der Hervis Geschäftsführung ergänzt: “Mit dem Award werden sowohl Hervis, als auch alle Hervis-Kunden als Gewinner ausgezeichnet. Wir beweisen mit unserer konsequenten Omnichannel-Strategie, dass die enge Verzahnung aller Kanäle die große Zukunfts-Chance für den Handel ist: Hervis nützt damit sowohl einen klaren Wettbewerbsvorteil gegenüber dem reinen Online-Handel als auch einen Erfolgsfaktor für die Stores – und bietet den Kundinnen und Kunden damit ein praktisches Einkaufserlebnis mit deutlichem Mehrwert und wichtigen Services. Mein Dank gilt an dieser Stelle besonders auch allen Hervis Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die die Omnichannel-Offensive von Hervis mit ihrem vollen Einsatz zu einem Erfolgsprojekt machen!”

“Die Auszeichnung in der Kategorie ‚Best Omnichannel Innovation‘ bestätigt unsere Vorreiterrolle in der Branche. Im HORNBACH Kundenkonto werden neben Onlinekäufen ab jetzt auch alle stationären Einkäufe automatisch erfasst. Durch diese innovative Verknüpfung von online und offline haben Kunden den Überblick über alle Rechnungen und können Garantieansprüche und Retouren problemlos über eine Stelle verwalten”, so Michael Hyna, e-Business Leiter bei HORNBACH Österreich.

Johannes Friewald, Marketingleiter HORNBACH Österreich, ergänzt: “Außerdem nehmen alle erfassten Einkäufe an unserem neuen Service ‚Dauertiefpreise. Sogar nach dem Kauf.‘ teil. Das bedeutet, sollte ein Artikel bis zu 30 Tage nach dem Kauf bei HORNBACH im Preis sinken, wird die Differenz im Kundenkonto automatisch gutgeschrieben. Unsere Kunden kaufen somit ihre Projekte immer zum günstigsten Preis bei HORNBACH.”

Rainer Will, Handelsverband: “Gerade jetzt in der Corona-Krise braucht der Handel neue Ideen und innovative Konzepte mit Umsetzungspotenzial mehr denn je. Die Qualität der eingereichten Projekte belegt, dass die österreichischen Händler mit der Zeit gehen und Digitalisierung hierzulande tatsächlich gelebt wird.”

(RED)

LOGISTIK express Journal 5/2021

Lockdown. Ist der Handel noch zu retten?

Nach 21 Monaten Pandemie hat die Österreichische Regierung noch immer keine bessere Lösung gefunden als einen harten Lockdown – und das direkt vor dem (über)lebenswichtigen Weihnachtsgeschäft. Wie soll es nun weitergehen, was muss man anders machen und wie sieht die Zukunft des Handels aus? Logistik express im Gespräch mit Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands.

Redaktion: Angelika Gabor.

Als Geschäftsführer des Handelsverbands kommt Rainer Will derzeit kaum zur Ruhe, schließlich gilt es, stets auf dem neuesten Stand zu sein und zwischendurch auch noch Feuerwehr für die Mitglieder zu spielen. „So bunt der Handel ist, so komplex sind auch die Herausforderungen. Die Situation hat sich gegenüber dem Vorjahr wieder klar verschlechtert. Wir haben gelernt, den Virus besser einzuordnen und sehen wie er sich verändert – aber die Antwort der Politik bleibt gleich. Zwei Jahre nach Beginn der Pandemie müssen wir endlich differenzierte Maßnahmen auf wissenschaftlicher Basis setzen, die tatsächlich Wirkung zeigen“, kritisiert er.

Weitere Ärgernisse seien die schwarz/weiß-Symbolpolitik und beispielsweise manche „übererfüllte“ Polizeikontrollen. Jedenfalls steht das Telefon kaum still, auf allen Kanälen wird sein Rat gesucht. Schon während der ersten drei harten Lockdowns musste der Handel Umsatzverluste von fast einer Milliarde Euro verkraften – pro Woche wohlgemerkt! Und das, obwohl unterschiedliche Studien zeigen, dass der Handel gar kein Corona-Hotspot ist: AGES-Clusteranalysen belegen, dass fast 70 Prozent aller Infektionen im Haushalt passieren, 15 Prozent in der Freizeit. Im Gegensatz dazu wurde im Einzelhandel bis dato kein Corona-Cluster nachgewiesen.

An welchen Ecken brennt es gerade am stärksten?
Soeben gab es weißen Rauch bei der vierten Runde der Handels-Kollektivvertragsverhandlungen: erst lagen die Forderungen der Gewerkschaft – ein Gehaltsplus von 3,5 Prozent, eine höhere Abgeltung für Mehr- und Nachtarbeit sowie längerer Urlaub weit vom Angebot der Arbeitgeberseite – eine Gehaltserhöhung von knapp über der durchschnittlichen Inflationsrate – entfernt. „Die Gewerkschaft wollte das Christkind vorziehen, aber uns ging es darum, Arbeitsplätze zu erhalten. Gerade jetzt, wo die doppelten Gehälter anstehen, fällt der Branche mit dem Lockdown der Umsatz weg. Ich rechne daher leider mit einigen Insolvenzen“, so Will.

Für ihn bedeutet die am 23.11. erzielte Einigung darum ein Ergebnis an der Schmerzgrenze: „Die starke Erhöhung des Mindestgehalts im Handel um 3,45 Prozent auf 1.800 Euro macht die Attraktivität der Branche deutlich. Diese Tariferhöhung ist auch ein Zeichen der Dankbarkeit an die Beschäftigten, die in den letzten zwei Jahren während der Corona-Pandemie Außergewöhnliches geleistet haben – wenngleich jeder Euro mehr bei den Personalkosten den Handelsbetrieben in der Kassa fehlen wird.“

Eine wichtige Maßnahme im Kampf gegen Corona ist die Teststrategie. Das Problem: „Die limitierte Testkapazität, insbesondere im ländlichen Bereich, und die Öffnungszeiten der Apotheken stellen eine große Herausforderung für die Angestellten dar. Wir waren schon früh im Gespräch mit der Regierung zum Ausbau einer PCR-Test-Infrastruktur, aber das wurde abgelehnt.“

Als Branchensprecher hatte er auch vorgeschlagen, als Positivanreiz für die Erstimpfung einen 50 Euro Gutschein pro Person, einlösbar im stationären Handel, bei Dienstleistern oder Gastronomie im Inland, auszugeben – noch lange, bevor die burgenländische Impflotterie startete. „Diese Maßnahme hätte hochgerechnet maximal 395 Millionen gekostet und hätte uns womöglich einen weiteren Lockdown und damit Milliarden erspart – Stichwort Ausfallbonus. Doch auch dieser Vorschlag wurde leider abgelehnt“, bedauert Will.

Selbst durch den Lockdown nur für Ungeimpfte entstand im Non-Food-Bereich ein Schaden von 350 Millionen pro Woche, da hätte man den Gutschein schnell herinnen – und gleichzeitig die Kaufkraft gestärkt. Doch wohin fließt das Geld, wenn nicht in den stationären Non-Food-Handel? 20 Prozent werden eingespart, 20 Prozent landen beim Nahversorger und ganze 60 Prozent werden online ausgegeben. „Davon landen allerdings 120 Millionen im Ausland – das größte Amazon-Förderprogramm, das man sich vorstellen kann.“

Ein weiteres Anliegen ist ihm die rasche, aber vor allem vernünftige Entschädigung der Unternehmen für den Lockdown: „Es ist wichtig, Wachstum und Filialschließungen in die Berechnung des Verlustausgleichs einzubeziehen. Wer 2019 zwei Filialen hatte und jetzt nur noch eine, erhält die doppelte Förderung. Im umgekehrten Fall erhält man möglicherweise gar nichts. Dabei haben jene, die gewachsen sind, Arbeitsplätze geschaffen und dürfen dafür nicht bestraft werden.“

Globalisierung versus Regionalisierung: wer gewinnt?
„Eine Kombination aus beidem. Die Globalisierung hat nicht alles gehalten, was sie versprochen hat. Freihandelspakte wie Mercosur stellen eine Bedrohung dar, wenn beispielsweise Deutschland bereit ist, den nationalen Fleischmarkt zu zerstören, um mehr Autos zu exportieren. Auf der anderen Seite kann man nicht sagen, dass Regionalisierung bei allem besser ist. Ideal wäre saisonal und regional. Denn eine Bio-Gurke aus spanischem Freilandanbau kann im Winter durchaus eine bessere CO2-Bilanz aufweisen als eine herkömmliche Gurke aus einem regionalen, beheizten Glashaus.“

Der bundesweite Nachhaltigkeitskompass „Sustainable Commerce Report“, eine großangelegte Konsumentenstudie mit über 1.000 Befragten, wird jährlich vom Handelsverband und EY Österreich in Zusammenarbeit mit MindTake Research erstellt. Zusätzlich fließt eine Händlerbefragung unter den Mitgliedern des Handelsverbands mit in die Ergebnisse ein. Und diese zeigen, dass den Österreichern Nachhaltigkeit nicht nur wichtig ist, sondern dass sie auch bereit sind, dafür zu bezahlen: „Ganze 57 Prozent sind bereit, für regionale und Bio-Produkte tiefer in die Tasche zu greifen, jeder Zehnte würde sogar 25 Prozent oder mehr aufzahlen. Für fair gehandelte Produkte ist knapp die Hälfte (49 Prozent) bereit, mehr auszugeben.

Das ist eine riesige Chance für den Handel, hier mit Qualität aus der Region größere Margen zu erzielen“, so Will. Doch auch die anderen Erkenntnisse der im Oktober veröffentlichten Studie sind durchaus interessant. So sind beispielsweise die Top-Nachhaltigkeitsthemen der Konsumenten Müllvermeidung, Recycling, nachhaltige Verpackungen (62 %), Vermeidung von Produkt- oder Lebensmittelverschwendung (55 %) sowie Tierwohl (54 %).

„Angesichts dieser Zahlen wäre auch dringend eine Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie von Nöten. Wenn dann das Schnitzerl vom österreichischen Rind um ein paar Prozent mehr kostet als das aus dem Ausland, würde sicher die Mehrheit lieber das regionale Produkt kaufen“, ist Will überzeugt. Dass dann doch wieder weniger nachhaltige Produkte als möglich im Wagerl landen, liegt vor allem an vier Punkten: dem teils doch signifikant höheren Preis für Öko-Produkte (47 %,) dem Verzichtsunwillen (36 %, nicht jeder mag Sojaschnitzel), der Bequemlichkeit (23 %) und der mangelnden Aufklärung (21 %).

„Die Befragten würden aus Nachhaltigkeitsgründen durchaus lieber vereinzelte leere Supermarktregale in Kauf nehmen und die Raumtemperatur daheim um 1°C senken, als auf Fleisch, Reisen oder ihr eigenes Auto zu verzichten“, nennt Will eines der Studienergebnisse. Auch überraschend: besonders ältere Personen haben sowohl beim Lebensmittel-, als auch beim Kleidungskauf überdurchschnittlich hohe Erwartungen an Nachhaltigkeitsaspekte. Paradox: 18- bis 29-Jährige sind eher bereit aufzuzahlen, wollen aber auf nichts verzichten.
Stolze 70 Prozent der Studienteilnehmer würden ein Bonusprogramm für nachhaltigen Konsum begrüßen und auch nutzen, und drei Viertel der Bevölkerung finden eine Cashback-Option interessant – und das quer durch alle Altersklassen. „Für die Unternehmen ist es wichtig, ihre eigene Zielgruppe zu kennen und dementsprechend ihr Angebot zu gestalten“, fasst Will zusammen. Wenig verwunderlich daher, dass die parallele Händlerbefragung ergab, dass 84 Prozent der Händler es als Chance sehen, im Nachhaltigkeitsbereich aktiver zu werden.

Die Marke „made in Germany“ ist weltweit ein Kaufanreiz, wie steht es mit der Marke „made in Austria“?
„Es ist sehr wichtig, die Marke zu stärken. Und Österreich ist dafür prädestiniert! Wir sind weltberühmt für unsere Kunst, Kultur, Musik, aber auch als Sportnation, Kongressstandort und Urlaubsreiseziel. Diese Themen muss man mitvermarkten. Wir haben Qualitätsgütezeichen mit freiwilligen Selbstverpflichtungen, die weit über die gesetzlichen Regelungen hinausgehen, und die Qualität spricht für sich. Sonst würde Österreich wohl kaum Lebensmittel in 180 Länder exportieren“ schwärmt Will, „weitere gute Gründe für eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung.“ Zudem sei durch die Pandemie ein Weckruf erfolgt – nicht zuletzt durch die Unterbrechung der Lieferketten mit vielen Verzögerungen insbesondere aus Fernost.

Will: „Viele merken, dass es besser ist, lokal einzukaufen. Trotzdem ein Tipp: vorher anrufen, ob das Gewünschte wirklich lagernd ist.“ Viele Warengruppen werden überwiegend importiert – Bekleidung, Baumarktartikel, Spielzeuge, aber auch die Chipproduktion erfolgt hauptsächlich in Asien. Können diese Produkte überhaupt konkurrenzfähig hierzulande gefertigt werden?„Je höher der Automatisierungsgrad, desto eher ist die Rückkehr zu einer europäischen Produktion möglich. Der Faktor Arbeit mit viel zu hohen Lohnnebenkosten ist ausschlaggebend. Wir sind hier in den Top Drei hinter Frankreich und Schweden – kein ruhmreiches Stockerl! Internationale Unternehmen schrecken vor der Ansiedelung in Österreich zurück. Aber das liegt nicht ausschließlich an den Lohnkosten. In keinem anderen Land gibt es beispielsweise die Mietvertragsgebühr, die stolze 1 Prozent der Miete für 5 Jahre im Voraus geleistet werden muss. Bei prestigeträchtigen Geschäftsflächen ist das durchaus eine stolze Summe.

Die ökosoziale Steuerreform ist meiner Ansicht nach ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Kaufkraft, auch wenn die Effekte bereits wieder aufgefressen werden. Aktuell sieht die weltweite Einteilung so aus: die USA stehen für Software, Asien für die Hardware, und Europa zahlt dafür. Aber wir dürfen nicht immer nur Kunden sein! Wenn wir Europa nicht als reines Museum führen wollen, muss auch die Produktion wettbewerbsfähig gestaltbar sein“, fordert Will. Aber es gibt auch kleine Erfolgserlebnisse, wie beispielsweise die Novelle des Abfallwirtschaftsgesetzes per 1. 1. 2023: erstmals müssen Betreiber von elektronischen Marktplätzen (Plattformen) und auch ihre Fulfillment-Dienstleister in ihren Verträgen mit Handelsbetrieben und Herstellern sicherstellen, dass diese die gesetzlichen Vorgaben zu Sammlung und Verwertung von Verpackungen, Einwegkunststoffprodukten, Elektroaltgeräten sowie Gerätebatterien einhalten.

„Wir haben drei Jahre lang dafür gekämpft, diese Gesetzeslücke zu schließen und die Plattformhaftung umzusetzen. Vor allem die verstärkte Inpflichtnahme von Marktplätzen wie Amazon, Wish oder AliExpress lag uns dabei am Herzen, entstehen doch bislang rund 50 Millionen Euro Schaden pro Jahr durch Webshops – überwiegend aus dem asiatischen Raum – die an keinem Sammel- und Verwertungssystem teilnehmen und daher auch kein Entpflichtungsentgelt entrichten.“ Auch der Gedanke an den Wegfall der 22 Euro Freigrenze für die Einfuhrumsatzsteuer bei Warensendungen aus Drittstaaten seit 1. Juli 2021 hebt die Stimmung, denn diese wurde schon lange gefordert. „Allerdings werden nun in Belgien große Hubs asiatischer Hersteller errichtet, um diese Regelung zu umgehen. Was wir brauchen ist eine faire globale Mindestbesteuerung“, schlägt Will vor.

Welche Themen beschäftigen den Handel – aktuell außer Corona?
„Aktuell gibt es drei vorrangige Themenbereiche: erstens Sicherheit und Gesundheit, wie Cybercrime, Blackouts usw. Zweitens Neoökologie – Stichwort green commerce und zero waste. Drittens die Konnektivität – customer journey und centricity. Je nach Produktgruppe beginnen Kunden schon bis zu drei Monate im Voraus ihren Entscheidungsprozess. Wer hier ein digitales Schaufenster anbietet, hat gute Chancen, das Geschäft zu machen. Unser Omnichannel Readiness Index 2021zeige ganz deutlich, dass die Hälfte der Kunden sich Click& Collect wünschen – ebenso viele erwarten eine Gratiszustellung oder Same day delivery. Mit 81 Prozent der Befragten wünscht sich die große Mehrheit eine Filterfunktion nach Verfügbarkeit in der Filiale… Das Problem ist leider, dass zwar 80 Prozent der Händler ein entsprechendes Backend mit Warenstandsanzeige usw haben, allerdings kein entsprechendes Frontend, und die Information nicht an die Kunden weitergeben.“ Auch einen passenden Vergleich hat der Geschäftsführer parat: „Wir haben in etwa eine Aufmerksamkeitsspanne von 9 Sekunden, das entspricht einem Goldfisch. Wenn nun das Video auf der Homepage zu langsam lädt, dann ist der Goldfisch weg, und der Hai Amazon schlägt zu.“

Welche Trends sehen Sie – kurz-, mittel- und langfristig?
„Was schon länger erwartet wird, sich aber noch nicht so richtig durchsetzt, sind die Drohnenzustellung, der 3D-Druck und Augmented Reality. Aber auch Virtual Reality und Künstliche Intelligenz sind Trends, die uns früher oder später verstärkt erreichen werden. Spannend: das Internet der Dinge. Aber auch big data – Stichwort Storeanalyse mit Frequenzmessung, Robotics & Automation und Blockchain sind Trends, die unsere Zukunft mitbestimmen werden.“

Stichwort Amazon, was macht sie so erfolgreich?
„Amazon macht Vieles richtig. Sie haben frühzeitig erkannt, wie wichtig das Fulfillment ist. Während der Konzern im Jahr 2018 noch 27 Prozent des globalen Umsatzes in die Lieferung investierte, waren es 2020 bereits 33 Prozent, das entspricht 120 Milliarden! Das prognostizierte weltweite Paketvolumen soll bis 2026 220 bis 262 Milliarden Pakete erreichen, und wenn es so weitergeht, wird ein großer Teil davon von Amazon sein. Allein im letzten Jahr erzielte Amazon ein Umsatzplus von 38 Prozent. Aber auch andere Onlineplattformen zählen zu den Gewinnern. In diesem Jahr haben in China die e-Commerce-Ausgaben mit 52,1 Prozent erstmals den stationären Handel überflügelt.“

Eine letzte Frage: was wünschen Sie sich vom Christkind?
„Dass die Politik ihre Entscheidungen auf wissenschaftlich fundierter Basis trifft, und nicht aus Populismus.“

Danke für das Gespräch!

 

LOGISTIK express Journal 5/2021

ECOMLOG21: „Automatisierung in nicht gekanntem Ausmaß“

Der 6. eCommerce Logistik-Day widmete sich wieder der Zukunft des Online-Handels und bot neben spannenden Diskussionen konkrete Lösungsansätze für die Bereiche Intralogistik und den Paketversand. Als Hybrid-Event war er nur für einen exklusiven Teilnehmerkreis in den Räumen des Österreichischen Handelsverbandes live erlebbar. Sämtliche Vorträge und Podiumsdiskussionen wurden jedoch aufgezeichnet und sind in voller Länge abrufbar.

Redaktion: Marcus Walter.

Nur in den Pausen spürte man den Unterschied: Als Hybridveranstaltung zählte der 6. eCommerce Logistik-Day (eComLog21) am 9. September naturgemäß nur wenige Teilnehmer. Corona forderte von dem traditionellen Event in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal seinen Tribut, was der Qualität der gebotenen Inhalte aber nicht schadete. Lediglich das Networking zwischen den spannenden Vorträgen litt aufgrund der geringeren Zahl potenzieller Gesprächspartner. Auf der Bühne zeigte sich hingegen das gewohnte Bild: Wie immer führte Moderator Bernd Kratz mit großem Sachverstand durch den Nachmittag und sorgte vor allem während der zwei Podiumsdiskussionen mit fundierten Fragen für angeregte Gespräche. Der geschäftsführende Gesellschafter der Management-Beratung EMA ist zugleich Mitgesellschafter des Instituts des Interaktiven Handels IDIH, einem der eComLog-Kooperationspartner.

New Digital Deal für die Zukunft des Handels.
Der 6. eCommerce Logistik-Day beleuchtete die beiden Themenbereiche Online- und Offline-Handel sowie die Intralogistik. In seiner Keynote forderte Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands Österreich, einen „New Digital Deal“ als Zukunftskonzept für den Handel nach der Coronakrise. Zu den Megatrends gehören die Sektoren Sicherheit und Gesundheit. Überzeugende Lösungen in der Bekämpfung von Cyber-Kriminalität, mehr Datenschutz, das Verhindern von Blackouts, der Schutz digitaler Identitäten sowie die Blockchain-Technologie werden den Handel stark beschäftigen. Gleiches gilt für die Neo-Ökologie mit ihren Themen Regionalität, Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Green Commerce, Zero Waste oder Minimalismus. Als dritten Megatrend nannte Will die Konnektivität. Hierunter versteht er unter anderem die weiter zunehmende Bedeutung des Omnichannel-Vertriebs sowie das konsequente Fokussieren auf den Kunden und die „Customer Journey“.

An die Regierung appellierte Will, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in einigen Punkten angepasst werden müssten. Zu den Forderungen seines Verbands gehören deshalb eine Senkung der Lohnnebenkosten und die Durchsetzung der globalen Mindeststeuer und mehr Steuergerechtigkeit. Als Beispiel für die derzeitigen Missstände nannte er Amazon. Der Konzern habe in den letzten 10 Jahren Steuergutschriften für seine Geschäfte außerhalb der USA in Höhe von 13,4 Mrd. EUR kassiert.

Nachhaltigkeit bleibt Dauerthema.
Im Anschluss startete die erste Podiumsdiskussion: Sie ging der Frage nach, wie sich der Handel vor dem Hintergrund der Pandemie in Zukunft entwickeln wird. Einigkeit herrschte darüber, dass der Wunsch nach Nachhaltigkeit auch nach der Pandemie eine tragende Rolle bei den Verbrauchern spielen wird. „Viele haben geglaubt, das Thema Nachhaltigkeit würde im Zuge der Coronakrise zugunsten der Wirtschaftlichkeit wieder verschwinden“, betonte Roman Stiftner, Präsident der Bundesvereinigung Logistik Österreich. Diese Einschätzung sei jedoch fatal und jedes Unternehmen sei gut beraten, sich ernsthaft mit der Nachhaltigkeit seiner Produkte und Lieferketten auseinanderzusetzen. „Das Thema Nachhaltigkeit wird bleiben,“ so Stiftner.

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Krise sei die mangelnde Resilienz der bestehenden Lieferketten, die zum großen Teil von Lieferungen aus China abhängen. Das habe man am Beispiel der Antibiotika gesehen, die überwiegend in China produziert werden und zwischenzeitlich nicht mehr lieferbar waren. In Zukunft müssten die Lieferketten wieder unabhängiger von China werden.

Bezüglich Nachhaltigkeit und Resilienz ist man bei der Modekette C&A schon einen großen Schritt weiter: Norbert Scheele, der bei C&A die Geschäfte in Österreich sowie Ost- und Südeuropa verantwortet, berichtete von einer neuen Produktionsanlage seines Unternehmens für Jeanshosen in Deutschland. „Wir haben uns vor drei Monaten entschlossen, eine Jeans-Fabrik in Mönchengladbach zu bauen“, bestätigte Scheele. Durch die regionale Herstellung verbessere sich zugleich die Zuverlässigkeit und die Ökobilanz, da weite Transportstrecken vermieden werden können.


Verstärkter Einkauf in Europa.

Auch beim weltweit agierenden Möbelhaus IKEA denke man über eine geänderte Einkaufsstrategie nach. „Wir sehen Tendenzen, dass wir verstärkt in Europa einkaufen werden“, erklärte Claes Axel Lindgren, Country Customer Fulfillment Manager bei der IKEA Möbelvertrieb OHG in Vösendorf.

Von einem ähnlichen Vorgehen berichtete Andrea Heumann, Mitglied der Geschäftsleitung der Thalia Buch & Medien GmbH mit Sitz in Linz. Im Buchbereich sei die Lieferkette zwar nicht bedroht gewesen, aber in anderen Sortimentsbereichen wolle man künftig „vermehrt auf Partner in Europa setzen, um die Lieferwege zu verkürzen“, so Heumann. Ziel sei ein guter Lieferanten-Mix, um in Krisensituationen flexibler aufgestellt zu sein.

Simon Hotinceanu, Experte für die Logistik-Steuerung bei der UNITO Versand & Dienstleistungen GmbH aus Salzburg sieht hingegen „eine weitere Zunahme der globalen Verflechtungen“. Dies gelte zumindest für kritische Bereich wie die Produktion von Mikrochips.


Nicht auf einzelne Partner verlassen.

Um die Konsequenzen aus der Corona-Krise ging es anschließend auch im Vortrag von Günter Birnstingl, Managing Director Austria der Berliner Seven Senders GmbH. Der frühere DHL-Manager betonte, dass die europäischen Paketdienstleister durch die rapide Zunahme des Sendungsaufkommens zunehmend unter Druck geraten.

„Dieser Trend ist auch schon ohne Covid dagewesen,“ stellte Birnstingl fest. Umso mehr komme es jetzt darauf an, sich in der internationalen Paketlogistik nicht auf einzelne Dienstleister zu verlassen, sondern mit mehreren Unternehmen zu kooperieren. Hier bietet Seven Senders eine sichere und komfortable Lösung, mit der Versender über eine zentrale Plattform mit vielen Anbietern zusammenarbeiten können.

Seven Senders ermöglicht den Zugang zu mehr als 100 Firmen, so das für jedes Land und jeden Bedarf die jeweils bestmögliche Versandform gewählt werden kann. Zu den Auswahlkriterien gehöre nicht zuletzt auch der CO2-Ausstoß. In diesem Zusammenhang wies Birnstingl darauf hin, dass bereits 57 Prozent der Versender bereit seien, einen Aufpreis für klimaschonende Transportlösungen zu bezahlen.

 

Intralogistik.
Mit seinem Vortrag über „Geschwindigkeit, Flexibilität und Skalierbarkeit als Wettbewerbsvorteil in einer dynamischen Handels- und Logistikwelt“ wechselte Joachim Kieninger das Thema von der Paket- zur Intralogistik. Der Director Strategic Business Development bei der Element Logic Germany GmbH veranschaulichte am Beispiel des automatischen Lager- und Kommissioniersystem AutoStore, wie schnell sich Versender auf veränderte Marktanforderungen einstellen können. Anhand mehrerer Kundenbeispiele und einem Video machte Kieninger klar, warum im Kleinteilebereich derzeit niemand an einer AutoStore-Lösung vorbeikommt. Zu den Vorteilen der norwegischen gehört die beliebige Skalierbarkeit der Lösung innerhalb kürzester Zeit. Dies kann zum Beispiel durch einen Anbau des Rasters oder durch den Einsatz zusätzlicher Roboter geschehen.


Kapazitäten mieten statt Kaufen.

Dass man diese Roboter nicht gleich kaufen muss, sondern bei saisonalen Spitzen auch mieten kann, erläuterte Markus Grabner in seinem anschließenden Vortrag, bei dem es ebenfalls um die Effizienz und Flexibilität der Auto-Store-Lösung ging. Grabner ist Senior Sales Manager bei der Reesink Logistic Solutions Austria. Reesink ist weltweit der erste von AutoStore lizensierte Distributor, der die flexiblen Roboter von AutoStore offiziell vermieten darf.

Kurzfristig ausgefallen war der Vortrag von Roman Schnabl, Vice President der KNAPP AG. Hier zeigte sich ein großer Vorteil von Hybrid-Veranstaltungen, denn dieser Teil konnte innerhalb der nächsten Tage via Zoom nachgereicht werden. Schnabl berichtete über Trends in der Value Chain und Logistik und beantwortete die Frage, wie KI-basierte Technologie die Welt der intelligenten Logistik verändert. „Schon heute können unsere Pick-it-easy-Robots mit Hilfe künstlicher Intelligenz und einer gemeinsam genutzten Cloud voneinander lernen, um so die Qualität der Prozesse kontinuierlich zu steigern“, berichtete Schnabl. Dabei handele es sich nicht um Zukunftsvisionen, sondern um „reale Lösungen, die bereits weltweit im Einsatz sind“.

Handel in China: Mehr als 50 Prozent digital.
Von der Intralogistik zurück zur Versandlogistik beförderte anschließend der Vortrag von Walter Trezek, der Vorsitzende des beratenden Komitees des Weltpostvereins. Mit Blick auf andere Kontinente prognostizierte Trezek ein weiter anhaltendes starkes Wachstum der Paketlogistik.

„In China werden bereits mehr als 50 Prozent des Einzelhandels digital abgewickelt,“ berichtete Trezek. Alles, was online verkauft und zugestellt werden kann, werde früher oder später über diesen Vertriebsweg laufen. Vor allem wies der langjährige Post-Experte darauf hin, dass sich Versender auf neue gesetzliche Anforderungen einstellen müssen. Konkret gehe es um die verpflichtende Bereitstellung von Daten vor dem Versand, wodurch Zustelleffizienz und Nachhaltigkeit steigen werden.

„Diese Regelung gilt seit Juli 2021 für Warensendungen innerhalb Europas“, betonte Trezek. Als letzter Referent des Tages informierte Florian Seikel, Geschäftsführer der Logistic Natives über ein Pilotprojekt, mit dem osteuropäische Staaten einen vereinfachten Marktzugang zur EU erhalten sollen. Die Logistic Natives haben dafür ein virtuelles Warenhaus konzipiert, mit dessen Hilfe lokale Produkte aus Armenien, Aserbaidschan und Georgien in der EU angeboten und vermarktet werden können.


Mehr Nähe zur EU.

Bei der Pilotlösung handelt es sich um ein virtuelles Lager beziehungsweise einen digitalen Katalog lokaler Waren. „Die Lösung bietet Verkäufern einen zentralen Ort zur Eingabe von Daten, die Zoll- und Transportdienstleiter für den grenzüberschreitenden E-Commerce benötigen“, erklärt Seikel. Nicht zuletzt sollen die genannten Länder Armenien, Aserbaidschan und Georgien durch das Projekt schrittweise an die EU herangeführt werden.

Nach seinem Vortrag stand Seikel gemeinsam mit Kieninger, Grabner und Trezek für die zweite Podiumsdiskussion zur Verfügung. Diese stand unter dem Titel: „Nach der Pandemie ist vor der Pandemie – wie wird sich die Logistik auf zukünftige Notsituationen vorbereiten“. Moderator Bernd Kratz formulierte daraus die Frage, ob es in der Handelslogistik künftig weniger um Kostensenkungen als vielmehr um das Bewältigen der enormen Sendungsmengen gehen werde. Nach Meinung von Joachim Kieninger träfe diese Einschätzung „den Nagel auf den Kopf“. Der Intralogistik-Spezialist berichtete, dass er für seine Kundenprojekte nur noch selten Amortisationsrechnungen aufstellen müsse. „Treiber sind heute ganz andere Dinge: Da geht es vor allem um die mangelnde Verfügbarkeit von Mitarbeitern oder das Einhalten von Mindestabständen aus Gründen des Infektionsschutzes“, erklärte Kieninger. In beiden Fällen sei Automatisierung die passende Antwort, um nicht zuletzt auch die steigenden Sendungsmengen bewältigen zu können.

30 Prozent Kosteneinsparung auf der letzten Meile.
Auch für die letzte Meile sei eine zunehmende Automatisierung die passende Lösung. „Wir werden eine Automatisierung der letzten Meile in nicht gekanntem Ausmaß erleben“, prognostizierte Walter Trezek. Demnächst würden die Zustellfahrzeuge automatisch vorgeladen vom Fahrer übernommen. Der Zusteller müsse sich im Fahrzeug mit seinem mobilen Datenterminal identifizieren, bevor die dynamische Routenplanung und anschließend die Auslieferung gestartet werde. Außerdem werde der Fahrer durch Roboter unterstützt, die ihm schon das nächste Paket bereitlegen würden. Nach dem Beenden der Tour kann der Fahrer im Hub das nächste vorgeladene Fahrzeug übernehmen und eine zweite Tour beginnen. „Das ist keine Zukunftsmusik“, betonte Trezek, der das enorme Kosteneinsparpotenzial verdeutlichte. „Die letzte Meile verursacht derzeit noch rund 45 Prozent der Zustellkosten. Diese lassen sich um 30 Prozent reduzieren“, ist Trezek überzeugt.

Die weitere Diskussion brachte noch zahlreiche andere Aspekte der notwendigen Automatisierung in den Bereichen Intra- und Zustelllogistik hervor. Bei Interesse können beide Podiumsdiskussion und sämtliche Vorträge des 6. eCommerce Logistik-Days in vollständiger Länge abgerufen werden.
(MW)

Mehr auf https://www.logistik-express.com/ecommerce-logistik-day/

 

LOGISTIK express Journal 4/2021

Zukunft Logistik. Logistiktrends 2030

In den nächsten zehn Jahren werden selbstfahrende Fahrzeuge, Next Generation Security, Supergrid Logistics, Quantencomputer, 3 D-Druck und Digitale Zwillinge die Logistikbranche gewaltig verändern.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Die globale Logistik durchläuft gewaltige Transformationen. Die rasanten technologischen Entwicklungen im Bereich Algorithmen, Big Data Analysis, Künstliche Intelligenz, etc. führen zu vielen neuen Anwendungen und Trends. Laut dem 5. Logistics Trend Radar von DHL gehören zu den Megatrends in den nächsten fünf Jahren mit großen Auswirkungen auf die Logistikbranche u. a. die Nachhaltige Logistik, die Omnichannel Logistik, Künstliche Intelligenz, Blockchain, das Internet der Dinge und Big-Data Analysis. In den nächsten zehn Jahren werden selbstfahrende Fahrzeuge, Next Generation Security, Supergrid Logistics, Quantencomputer, 3D-Druck und Digitale Zwillinge einen großen Einfluss auf die Logistikbranche haben.

Supergrid Logistics führt zu modularen Diensten und größerer Effizienz.
Das logistische Supergrid basiert auf einer globalen Instanz oder (cloudbasierten) Plattform, die reibungslos und flexibel alle Parteien entlang von Versorgungsketten integrieren kann. Dadurch entsteht ein Angebot von modularen Diensten für alle Kundengruppen mit dem Ziel die Kosten und die Transitzeiten zu reduzieren sowie die Effizienz zu maximieren. Durch das Supergrid wird eine neue Generation an Logistikern entstehen, die sich hauptsächlich auf die Verküpfung von globalen Supply Chain-Netzwerken fokussieren, die viele Hersteller und Logistikanbieter integrieren.

Dadurch werden neue Geschäftsmöglichkeiten beispielsweise für 4PL-Logistiker, spezialisierte Logistikanbieter, kleine Expressdienstleister und Startups entstehen und der Kunde kann von einer Vielzahl von Services den besten auswählen. Durch diese Plattformen wird eine neue Transparenz im Markt entstehen und speziell kleinen Unternehmen Zugang zum globalen Markt verschaffen. Die Tatsache, dass Kunden weltweit Waren über das Internet direkt beim Hersteller unter Auslassung des Einzel- und Großhandels bestellen können, ist ein weiteres Argument für das Entstehen eines logistischen Supergrids durch das die Kunden die besten und passensten Dienste auswählen können.

Globale Marktteilnehmer werden überwiegend auf die grenzüberschreitende Integration von Diensten, Premium-Marktsegmente sowie die Zusammenstellung von regionalen Diensten und Logistikdienstleistern die normalerweise Wettbewerber sind, fokussieren. Alibaba‘s Smart Logistics Network (Cainiao Network, gegründet 2013) mit Sitz in Hang-zhou arbeitet taktisch bereits auf ein Supergrid Logistics-Netzwerk hin.

Quantencomputer optimieren Supply Chain.
Quantencomputer besitzen eine millionenfach höhere Rechenleistung als selbst Supercomputer. Es ist zu erwarten, dass sie die logistische Welt extrem verändern werden – und das nicht nur im Bereich der Algorithmen, sondern auch in der Verschlüsselungstechnik. Der erste kommerzielle Quantencomputer – der IBM Q System One – ist bereits 2019 auf den Markt gekommen. Der chinesische Quantencomputer Jiuzhang soll sogar zehn Milliarden Mal so schnell sein wie Googles 2019 vorgestellter Quantencomputer Sycamore. Trotz allem befinden sich die Quantencomputer noch in einem Anfangsstadium.

Die Optimierung von Lieferketten bzw. Prozessen entlang der Lieferkette in Echtzeit ist eines der Haupteinsatzgebiete der neuen Technologie. Dazu gehört z. B. die Berechnung von optimalen Lieferrouten in Echtzeit. VW nutzt Quantencomputer bereits, um intelligente Verkehrsnetzsysteme zu entwickeln. Weiterhin können sie genutzt werden, um kombinatorische Optimierungsprobleme (Behälterproblem) z. B. beim Verladen von Millionen von Paketen in Lkw und Flugzeuge zu lösen. Zudem sollen bessere Produkte durch Rapid Modeling and Testing entwickelt werden.

Quantencomputer stellen allerdings ein (erwartetes) großes Problem ab 2022 für die klassische Datenverschlüsselung dar. Durch ihre extreme Rechenleistung sind diese Verschlüsselungsmethoden leicht zu knacken. Neue  Verschlüsselungsmethoden wie gitterbasierte Kryptographie müssen also her. Auch in der Welt der blockchainbasierten Kryptowährungen stellt die Quantentechnologie ein großes Problem für Private Keys dar, die damit leicht zu knacken sind. Toshiba hat darauf bereits reagiert und will ab 2025 kryptographische Quantencomputerdienste anbieten.

Next Generation Security schützt Produkte und Daten.
Gerade Endgeräte wie Tablets, Smartphones und PC stellen ein hohes Sicherheitsrisiko für IT-Netzwerke und die Supply Chain dar. Hier existiert eine bunte Spielwiese für Cyberkriminelle, die Unternehmen schaden wollen. Bei der sog. Next-generation endpoint protection wird Künstliche Intelligenz, Maschine Lernen und die Analyse des Nutzerverhaltens zur Erkennung von immer ausgefeilteren Bedrohungen genutzt. Prävention ist die erste Verteidigungslinie, um Cyberattacken zu vereiteln. Dabei müssen nicht nur alle Endgeräte geschützt werden, sondern die Lösung muss auch flexibel und skalierbar in der Cloud (oder auf Wunsch auch im eigenen Rechenzentrum) sein. Das IT-System muss mit modernsten Gefährdungsindizien und Verhaltensindikatoren Daten, Dateien und die Kommunikation permanent überwachen. Die klassische Prävention muss mit analytischen Überwachungs- und Erkennungs-Tools kombiniert werden. Der Schutz besonders der Kunden- und Mitarbeiterdaten hat oberste Priorität

Auf der physischen Ebene werden z. B. für die Überwachung von Containern intelligente Schlösser (Smart Locks) und Siegel eingesetzt. Dabei können Daten mit RFID-Transpondern gesendet werden und mittels Blockchain verschlüsselt und via Smart Contracts verifiziert werden. Für die Bekämpfung der Fälschung von Produkten wird ebenfalls die Blockchain-Technologie eingesetzt. Dazu werden Daten des Produkt-Lebenszyklus auf der fälschungssicheren Blockchain gespeichert, die von Seiten der Kunden beispielsweise durch Scannen eines 3D-Barcodes ausgelesen werden können.

Optimierung von Produkten durch 3D-Printing und Rapid Prototyping.
Der 3D-Druck (Additive Fertigung) kann für die schnelle Herstellung von Prototypen genutzt werden. Material wird Schicht für Schicht aufgetragen und so ein dreidimensionaler Gegenstand (Werkstück) erzeugt. Dabei erfolgt der schichtweise Aufbau computergesteuert aus einem oder mehreren flüssigen oder festen Werkstoffen nach vorgegebenen Maßen und Formen. Beim Aufbau finden physikalische oder chemische Härtungs- oder Schmelzprozesse statt. Typische Werkstoffe für das 3D-Drucken sind Kunststoffe, Kunstharze, Keramiken und Metalle. Die eigentlichen Daten für das 3D-Modell stammen aus einem Computer Aided Design (CAD)-System.

Durch Rapid Prototyping kann ein Unternehmen schon in der Planungsphase relativ einfach ein Probe-Modell bauen. Somit werden bereits frühzeitig Fehler oder Schwächen erkannt und behoben, bevor innerhalb des eigentlichen Produktionsprozesses durch nicht entdeckte Fehler hohe Kosten anfallen würden. Die 3D-Druck-Technologie wird sich nicht nur sehr wahrscheinlich zur Standardtechnologie für die Serienproduktion entwickeln, sondern auch das Ausdrucken von einzelnen Bauteilen bzw. Artikeln vor Ort in einem Geschäft, Lieferwagen oder sogar beim Kunden zuhause ermöglichen. Artikel und Teile müssten so nicht mehr geliefert werden, sondern ein digitaler CAD-Bauplan und ein 3D-Drucker würden zur Herstellung genügen.

Der neue Technologie-Trend wird Transport-Wege verkürzen, die Geschwindigkeit der Supply Chain erhöhen und auch die Lagerhaltungskosten in Zukunft enorm senken. Kunden könnten natürlich auch ihre eigenen CAD-Entwürfe auf eine Internet-Plattform beim Fertigungs-Unternehmen hochladen, Materialien und Farben auswählen, Preise aufrufen, den Druck bestellen und ausliefern lassen.

Selbstfahrende Fahrzeuge erhöhen Efizienz und vermeiden Fehler.
Fahrerlose Transportsysteme (FTS) revolutionieren die Intralogistik und gelten als guter Einstieg in Industrie 4.0. Mittels FTS lässt sich die Zahl von Leer- und Falschfahrten massiv reduzieren, weil die Fahrzeuge automatisch zum richtigen Lagerregal fahren. Dabei orientieren sie sich an verschiedenen Technologien, wie beispielsweise Indikationsstreifen, Präzisionslasern, Reflektoren oder einfachen Klebebandspuren. Während die meisten intralogistischen Lager heute noch auf Flurförderfahrzeuge wie Stapler setzen, deren Fahrer auf Sicht und Zuruf fahren, folgen FTS einem automatisch programmierten Weg. Dazu lässt sich beispielsweise eine Sichtspur nutzen, der ein FTS auf seinem Weg folgen kann. Engpässe, Zusammenstöße oder sonstige Behinderung im Arbeitsablauf lassen sich damit fast gänzlich eliminieren.

Das macht die Intralogistik eines Unternehmens schneller und effizienter. Die Herausforderung liegt dabei allein in der Schaffung einer offenen Infrastruktur. In der Transportlogistik können u. a. autonome Fahrzeuge und Drohnen bei der Paketzustellung eingesetzt werden.

Digitaler Zwilling für die Simulation.
Beispielsweise kann eine gesamte Fabrik mit ihren Maschinen, Komponenten, Gebäuden, Robotern, Fahrerlosen Transportsystemen, Prozessen und den zu erzeugenden Produkten parallel zur physischen Ausprägung auch digital erstellt werden. Dabei kann der digitale Zwilling auch schon vor dem realen Zwilling existieren, z. B. als Designmodell künftiger Produkte. Natürlich können auch logistische Objekte und Prozesse abgebildet werden. Ein digitaler Zwilling bietet viele Vorteile. Es lassen sich pysikalische Prototypen einsparen und das Verhalten, die Funktionalität und Qualität von einzelnen realen Komponenten als auch von ganzen Lieferketten kann simuliert werden. Zudem können sie dazu dienen, Daten aus dem Einsatz der realen Zwillinge zu analysieren und auszuwerten. Die digitalen Modelle führen zu neuen servicebasierten Geschäftsmodellen: Fernwartung, Fernmanagement und -überwachung von logistischen Einrichtungen, voraussagendes Modellieren und Simulation sowie logistische Servicemodelle für den Aftermarket. (DR)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 2/2021

China nach Covid-19: Pandemie verändert Logistikprozesse

Die Coronavirus-Pandemie hat bereits den Einsatz von Smart Logistics-Technologien in China beschleunigt. Viele Logistiker setzen auf KI, Big Data, Cloud Computing, Blockchain und integrierte Logistikplattformen. Die Notfall-Logistik für Krisensituationen wird effizienter gestaltet.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Der Ausbruch von Covid-19 im November 2019 hat im Land der Mitte besonders in der Lockdown-Phase zu großen Beeinträchtigungen im Bereich der Produktion von Gütern, des Warenverkehrs und der Logistik geführt.

Auswirkungen der Pandemie im Frühjahr 2019.
Laut der Industrial Analytics Plattform der United Nations Industrial Development Organization (UNIDO) schrumpfte die Industrieproduktion durch die Corona-Maßnahmen in China im Januar und Februar 2020 um -13,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die chinesischen Exporte sanken im gleichen Zeitraum um -17,2 Prozent gegenüber 2019. Nicht einmal während des SARS-Ausbruchs in 2002/ 2003 und der Finanzkrise in 2008/ 2009 wurde ein so extremer Abfall verzeichnet.

Allerdings nahm die Industrieproduktion im April schon wieder um +3,9 Prozent zu und erreichte im Dezember 2020 +7,3 Prozent (Bild 1). Durch die Pandemie-Maßnahmen wurden Lieferketten zerrissen, weltweit Häfen, der Seeverkehr und der Personenflugverkehr nahezu lahmgelegt. Gemäß dem amerikanischen Journal of Commerce (JOC) wurde im März 2020 durch die Reisebeschränkungen fast die Hälfte des verfügbaren Luftfrachtvolumens auf den Trans-Pazifik-, China-Europa- und Europa-Nordamerika-Hauptstrecken eliminiert. Zudem stiegen die Luftfrachtpreise stark. Die Waren kamen zwar noch auf den Umschlagplätzen in Chinas Häfen an, wurden von dort aber aufgrund mangelnder Kapazitäten nicht mehr weiterbefördert. Aufgrund geschlossener Provinzgrenzen konnten teilweise Güter von den Fabriken nicht zu den Häfen befördert werden. In den Fabriken fehlten 220 Millionen Wanderarbeiter, die nach dem chinesischen Neujahr nicht in die Fabriken zurückkehren konnten.

Fünf Hauptauswirkungen auf die Logistik.
In der Logistik konnten fünf Hauptauswirkungen der Pandemie beobachtet werden: ein scharfer Abfall der Logistiknachfrage, Knappheit an Transportkapazität, die Unterbrechung des Logistiknetzwerkes, Veränderungen im Service, Zuwachs bei den Betriebskosten und der Zahl der verlusteinfahrenden Unternehmen. Laut der China Federation of Logistics and Purchasing (CFLP,1) schrumpfte das Frachtvolumen in der Logistik durch den Lockdown im Januar/ Februar 2020 um19,8 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode auf 4,5 Milliarden Tonnen. Das Frachtvolumen auf der Straße nahm um -24,8 Prozent ab, wobei es auf Wasserwegen um -14,8 Prozent fiel. Gleichzeitig schrumpfte das Luftfrachtvolumen um -13,8 Prozent, während das Schienenfrachtvolumen um +1,4 Prozent zunahm.

Die zur Verfügung stehende Transportkapazität kontrahierte aufgrund des Lockdowns, Straßensperrungen und fehlenden Arbeitern in der Logistikindustrie extrem. Aus den gleichen Gründen brach das Logistiknetzwerk zusammen. Bei einer Umfrage der CFLP gaben 74 Prozent der befragten 100 Logistikmanager an, dass durch die Verkehrsbeschränkungen in der Lockdown-Phase keine pünktlichen Transportservices durchgeführt werden konnten. Zudem kamen Unterschiede in den lokalen Beschränkungen der Transportservices. Aufgrund des geänderten Konsumverhaltens und der Verlagerung hin zu E-Commerce-Plattformen mussten sich die angebotenen Logistikdienste ebenso anpassen. Ein Beispiel ist die kontaktlose Lieferung durch Lieferroboter oder das Abstellen der Waren an bestimmten Übergabepunkten. Durch die Knappheit an Fahrern, gestiegenen Betriebskosten (Desinfektion, ermöglichen der kontaktlosen Lieferung) und der erhöhten Transportkosten durch die Planungsunsicherheit bei den Transportwegen, stiegen die Logistikkosten signifikant. Eine große Zahl der chinesischen Logistik- und Transportunternehmen erlitt im ersten Quartal 2020 Verluste. 51,7 Prozent der befragten Unternehmen fuhren ein Minus ein. Durch die Pandemie, Lockdowns und andere Corona-Maßnahmen wurden einige Logistikunternehmen stark in Mitleidenschaft gezogen und mussten fusionieren oder Operationen mit anderen Unternehmen zusammenlegen.

Entwicklung der chinesischen Logistikindustrie nach Covid-19.
Der Einsatz von Smart Technologies und die gleichzeitige Unterstützung durch die angepasste Regierungspolitik half die großen Schwierigkeiten im Logistikbetrieb in der Lockdown-Phase zu überwinden. In der Post-Covid-Ära wird sich die Logistikindustrie im Land der Mitte hauptsächlich aufgrund von drei Aspekten weiterentwickeln. Die treibenden Kräfte sind ein Nachfrageüberhang, der Technologieschub durch Smart Logistics-Anwendungen und eine aktive Förderungspolitik der chinesischen Regierung. Auch wenn die Pandemie große Zerstörungen in der chinesischen Logistikindustrie angerichtet hat, bietet sie ebenso große Chancen für Innovationen und Transformationen. Die Erholung der internationalen und nationalen Nachfrage wird graduell zur Genesung des Logistiksektors im Lande führen. Zunächst spielt dabei die innerchinesische Nachfrage die größte Rolle. Der chinesische Inlandsmarkt und die Kaufkraft der Konsumenten sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Da viele internationale Märkte von Grenzschließungen und Lockdowns betroffen sind, wird hier der Aufschwung noch auf sich warten lassen. Im Land der Mitte hat sich die sogenannte Smart Logistics zu einem treibenden Faktor bei der Transformation der Logistikindustrie entwickelt.

Smart Logistics ist ein Kernelement der Digitalisierung in der industriellen Wertschöpfung, wie sie durch das Konzept Industrie 4.0 beschrieben wird. Sie basiert auf agilen Kooperations-netzwerken sowie einer organisatorischen und informatorischen Vernetzung und ermöglicht intelligente und schlanke Lieferketten. Die intelligente Steuerung von Supply Chains ist eine wesentliche Voraussetzung für die Erschließung der Potenziale neuer digitaler Technologien (2). Drohnen, intelligente Paketstationen, Big Data, Cloud Computing, Blockchain und Künstliche Intelligenz (KI) sind bereits Schlüsseltechnologien, die in der Logistikindustrie in China eingesetzt werden.

Die Vorteile der intelligenten Logistik haben sich während der Covid-19-Pandemie bei der schnellen Anpassung von Versorgungsketten an das veränderte Konsumverhalten, knappe Kapazitäten, veränderte Transportmodi bzw. -wege und Preise gezeigt. Der Internethändler JD.Com setzt bereits 28 Smart Logistics Centres (Asia One, Bild 2), die zu 90 Prozent automatisiert betrieben werden, ein. Die automatisierten Logistikzentren sparen Arbeitskräfte und damit Löhne ein und sind dreimal effizienter als herkömmliche Lagerhäuser. Auch Alibaba bzw. Cainiao betreibt ein „unbemanntes“ roboterbetriebenes Lagerhaus mit der Bezeichnung „Wuxi warehouse“.

Das Smart Logistic Network von Cainiao Logistics basiert auf KI und dem Internet der Dinge (IdD). Es soll mithilfe von 100 Millionen intelligenten Endgeräten wie z. B. Fahrerlosen Transportsystemen (FTS) Inlandslieferungen innerhalb von 24 h und internationale Expresszulieferungen innerhalb von 72 h ermöglichen. Im Juni letzten Jahres erklärte Cainiao (3), dass die Anzahl der gecharterten Frachtflüge nahezu verfünffacht (Ziel: Halbierung der Transferzeit) und die internationale Lagerhausfläche auf zwei Millionen m² innerhalb von drei Jahren verdoppelt werden soll, um diese Ziele zu erreichen.
Der genannte Ausbau und die Zusammenarbeit mit Zollabfertigungs-Einrichtungen sowie das Bevoraten von Produkten kleinerer Händler in Lagerhäusern soll Internationale Lieferungen in 100 ausländische Städte innerhalb von 72 h ermöglichen. Zudem sollen 30000 Postabholzentren in verschiedenen chinesischen Städten entstehen, die u. a. auch das kontaktlose Versenden von Paketen und Briefen ermöglichen sollen. Seit 2013 hat sich der Wert des chinesischen Smart Logistics-Marktes von 145,2 Milliarden (18,7 Milliarden Euro) auf 63,3 Milliarden Euro in 2019 erhöht. Während der Pandemie investieren viele Unternehmen und auch Logistiker in BIG Data, KI, 5G und andere Technologien, um die Betriebseffizienz im Krisenfall zu stärken.

Auch wenn sich der Logistics Performace Index der Weltbank für China von Platz 28 in 2014 auf Platz 26 in 2018 verbessert hat, muss die Regierung die Effizienz des Logistiksystem verstärkt durch eine bessere Regierungspolitik und mehr gesetzliche Regelungen fördern. Aus dem Arbeitsbericht der Regierung von Mai 2020 geht hervor, dass verstärkt in die Implementierung eines neuen Infrastruktur-Bauprojekts investiert werden soll und dass die Logistikindustrie im Land der Mitte in ein neues Zeitalter der rasanten Entwicklung eintritt. Bis 2022 ist geplant, ein neues modernes integriertes Logistiksystem basierend auf Smart Logistics-Technologien wie KI, 5G und industriellen IdD aufzubauen. Zudem hat die National Development and Reform Commission (Nationale Kommission für Entwicklung und Reform) in 2020 begonnen weitere Nationale Logistikhubs zu bauen. Während dem Covid-19-Ausbruch spielten sie eine bedeutende Rolle bei der Verteilung von Notfallgütern.

Zudem stellte sich heraus, dass die Integration von Unternehmen auf Logistikplattformen zur Bündelung von Ressourcen wie Transportkapazität, Versorgungsgüter, etc. beim Kampf gegen die Pandemie extrem hilfreich ist. Die Integrierten Logistikplattformen bieten die Zusammenführung von Nachfrage und Angebot und andere wertschöpfende Services und werden von allen größeren Logistikern aufgebaut werden. Die Pandemie wird daher auch das Notfall-Logistiksystem Chinas verändern, das durch integrierte Unternehmensplattformen und eine klarere Hierarchie effizienter werden soll. (DR)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 1/2021

 

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