Wolfram Senger-Weiss: „Grün“ transportieren kostet Geld

Viel wird über grüne Logistik geredet, doch wenige wollen dafür bezahlen. Wolfram Senger-Weiss, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Gebrüder Weiss, über Dekarbonisierung, Pandemie, Verkehrsverlagerung, alternative Antriebe und weitere Expansion.

Text: Redaktion.

Herr Senger-Weiss, das Verkehrsministerium hat Ende 2021 mit der Erarbeitung eines österreichischen Masterplans für den Güterverkehr begonnen. Die Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf Schiff und Bahn wird darin propagiert. Welche Erwartungen haben Sie an diesen Masterplan?
Senger-Weiss: Die Schiene wird sicher wichtiger und hat auf längeren Distanzen ihre Vorteile. Bei Gebrüder Weiss verlagern wir bereits seit Jahren Straßentransporte auf die Schiene: Mit dem Orange Combi Cargo haben wir einen Ganzzug, der täglich zwischen Ost- und Westösterreich pendelt und damit jährlich rund 9.000 Tonnen CO2 einspart. Auch haben wir beispielsweise regelmäßige Zugverbindungen zwischen Österreich und diversen Häfen. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass nur gewisse Warentypen und Transportanforderungen für eine Verlagerung geeignet sind.

Wie denken Sie, lassen sich Umweltinteressen und Interessen der Wirtschaft im Blickfeld auf das Jahr 2050 unter einen Hut bringen?
Senger-Weiss: Die Ökologie folgt der Ökonomie oder anders ausgedrückt: Grüne Logistik kostet Geld. Die höheren Kosten will aber bisher kaum jemand bezahlen. Wenn wir die Ökologisierung des Transports vorantreiben wollen, benötigen die Unternehmen Investitionssicherheit und Förderungen, bis wettbewerbsfähige Lösungen verfügbar sind. Hier ist die Politik gefordert, realistische Bilder zu zeichnen, technologieoffen zu sein und gemeinsam mit den Betrieben an Lösungen zu arbeiten.

Wir als Gebrüder Weiss bekennen uns klar zu nachhaltigen Zielen: Wir testen bei unserer Fahrzeugflotte alternative Antriebe mit Gas, Strom und Wasserstoff und wollen unsere eigenen Logistikanlagen bis 2030 mit Solarstrom klimaneutral betreiben. Unseren Kunden bieten wir mit unserem „zero-emissions“-Service die Möglichkeit, den CO2-Ausstoß jeder logistischen Leistung durch einen Mehrbetrag zu kompensieren. Dieser fließt dann in zertifizierte Klimaschutzprojekte.

Der Lkw wird gern und oft als klimaschädigend angefeindet. Welche alternative Lkw-Antriebstechnologien haben gute Chancen, aus dem „klimafeindlichen“ Lkw einen „klimafreundlichen“ zu machen?
Senger-Weiss: Elektro-Lkw sind in der Zustellung, speziell im urbanen Raum eine gute Lösung, nicht aber für den Schwerlastverkehr auf der Langstrecke. Grundsätzlich ist die E-Mobilität, auf die sich die österreichische Politik fokussiert hat, in der Logistik kein Allheilmittel. Bei schweren Lkw gibt es noch wenig serienreife Fahrzeuge mit nachhaltigen Antriebsformen. Auch braucht es dazu eine entsprechend passende Tankinfrastruktur und Service-Organisation. Vielversprechend ist die Wasserstoff-Technologie, die Gebrüder Weiss in der Schweiz als eines der ersten Unternehmen seit nun einem Jahr mit großem Erfolg im Einsatz hat. Wichtig ist, dass wir gemeinsam mit unseren Kunden aus den Praxiserfahrungen lernen. Welche Technologie sich letztendlich durchsetzen wird, ist aktuell noch nicht klar.

Wie läuft derzeit das Geschäft bei Gebrüder Weiss und welche Pläne verfolgen Sie für die nahe Zukunft?
Senger-Weiss: Die Themen Lieferverzögerungen, Frachtraumknappheit und volatile und stark gestiegene Preise bei den Frachtraten haben uns länger begleitet als gehofft. Eine Erleichterung ist auch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten. Grundsätzlich aber fällt unser Rückblick auf 2021 zufriedenstellend aus. Wir konnten als Unternehmen viele strategische Themen umsetzen, gerade im Hinblick auf unsere internationale Netzwerkverdichtung sowie in den Bereichen Digitalisierung und Nachhaltigkeit, sprich alternative Antriebe und anvisierte Klimaneutralität unserer Logistikanlagen bis 2030.

Wir werden unsere Anstrengungen im Bereich Nachhaltigkeit weiter intensivieren – Stichwort alternative Antriebe – und unseren Weg Richtung Klimaneutralität durch Investitionen in Solaranlagen an unseren Standorten fortsetzen. Zugleich sind wir mit steigenden Kosten und Inflation konfrontiert – auch Green Logistics kostet Geld. Und diese Kosten müssen wir entsprechend an unsere Kunden weitergeben. Das ist kein einfacher und angenehmer, aber ein notwendiger Prozess. Weitere Entwicklungsschritte haben wir 2022 außerdem in Süddeutschland und den USA geplant, wo wir uns noch verstärken und weiterentwickeln möchten.

Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie auf die verschiedenen Bereiche in Ihrem Unternehmen?
Senger-Weiss: Die Corona-Pandemie hat unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen viel Flexibilität und hohe Einsatzbereitschaft abverlangt. Der Aufwand der Abwicklung ist durchwegs gestiegen, teilweise auch das Sendungsaufkommen, besonders im Paket- und Home Delivery-Bereich. Die Situation in der Luft- und Seefracht war und ist herausfordernd. Das alles wurde hervorragend gemeistert. Vor allem der operative Bereich war dauerhaft unter den erschwerten Bedingungen gefordert.

Experten prognostizieren für die globale Logistik-Welt Logistik-Welt einen großen Wandel weg von der menschlichen Arbeit hin zu einer vollständigen Automatisierung. Sehen Sie auch eine solche Entwicklung und was bedeutet das für Ihr Unternehmen?
Senger-Weiss: Die Digitalisierung ist seit vielen Jahren fest in der Logistik verankert und nicht mehr wegzudenken. Bei Gebrüder Weiss haben wir mit der Einführung des Kundenportals myGW einen wichtigen Meilenstein erzielt: Diese digitale Plattform liefert den Kunden auf Knopfdruck Echtzeitinformationen zu ihren Warenströmen, die gesamte Kommunikation kann online abgewickelt werden.

Insgesamt ein deutlicher Mehrwehrt: mehr Transparenz, höhere Planbarkeit, besserer Informationsfluss und größere Zeitersparnis. Aber: Solche digitalen Maßnahmen müssen auch durch operative Servicequalität gestützt werden. Deshalb investieren wir sowohl in digitale Technologien als auch in die „physische“ Leistungsfähigkeit unseres Unternehmens. Grundsätzlich sind wir der Meinung, dass Logistik ein „people’s business“ ist und auf absehbare Zeit auch bleiben wird. (RED)

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


 

Re:Think – mit dem 28. Österreichischen Logistik-Tag

Viele Auftragsbücher sind voll, aber der Schein trügt: die Wirtschaft, wie wir sie kennen, steht auf der Kippe. Aktuelle und künftige Probleme lassen sich nicht mit bekannten Maßnahmen lösen, ein Umdenken ist nötig. Auf dem Future Lab und dem Logistiktag am 28. und 29. September werden neue Wege aufgezeigt, die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Natürlich darf auch die Gala zur Verleihung des Österreichischer Logistik-Preises 2021 nicht fehlen.

Einen Blick in die Zukunft werfen, und das ganz ohne Glaskugel… wer wünscht sich das nicht? Beim Logistik-Future-Lab am 28. September 2021 im Design Center Linz findet nicht nur die Start-up-Lounge für frische Geschäftsideen statt, auch das Vortragsprogramm kann sich sehen lassen. Das Schöne am Future-Lab ist, dass es keine Denkverbote gibt. „Beim Future-Lab geht es um Themen, die konkrete Beiträge zur Weltverbesserung und bald umsetzbar sind“, erklärt Franz Staberhofer, Obmann VNL Österreich und Leiter Logistikum, der die Begrüßungsrede halten wird.

Live aus Mountain View, Silicon Valley, wird Andreas Wendel für den ersten Vortrag zugeschaltet: „Fahrerlose LKW – Traum oder Realität?“ Als VP of Engineering, Kodiak Robotics, ist er Experte für die Verwirklichung autonomen Fernverkehrs. Stellt sich die Frage, ob sich das Konzept von den Highways in den USA auch auf Österreich ummünzen lässt.

Ab 14 Uhr hat man die Wahl zwischen verschiedenen Themenschwerpunkten, die in den Sälen A und B sowie im Kinosaal parallel behandelt werden. Beim Themenschwerpunkt „Just-in-Real-Time: Echtzeit-Daten für bessere Entscheidungen und resiliente Lieferketten“ (Kinosaal) moderiert Markus Gerschberger, Head of Research Department Supply Chain Management, Logistikum. Angesichts der erst kürzlich vorgefallenen, schmerzhaften Lieferkettenunterbrechungen – Stichwort Suezkanalblockade oder auch Corona – könnte Concurrent Planning die Erlösung bringen. Aber auch Machine Learning hilft, die Vorhersehbarkeit zu steigern. Die Beiträge dazu: „Warum gleichzeitige Planung zu mehr Resilience führt als Planungsgenauigkeit“ von Hans Georg Kaltenbrunner, Industry Principal EMEA, Kinaxis, sowie „Crisis Management & Supply Chain Resilience“ von Darko Belic, Geschäftsführer DHL Supply Chain Automotive GmbH Germany. Zweiter Themenschwerpunkt im Kinosaal: „Österreich – ein aktiver Gestalter des Straßengüterverkehrs der Zukunft?“ moderiert von

Matthias Neubauer, Professor für Logistikinformationssysteme | Hyperconnected Logistics Systems, Logistikum. Als Beiträge dazu: „Chancen und Grenzen alternativer LKW-Antriebstechnologien im Praxiseinsatz“ von Jürgen Bauer, Mitglied der Geschäftsleitung, Gebrüder Weiss GmbH sowie „Testregion Digitrans – Wir bringen die Zukunft des autonomen Transportes auf die Straße“ von Eva Tatschl-Unterberger, DigiTrans GmbH, „AWARD – Hochautomatisierter Gütertransport unter widrigen Wetterbedingungen“ von Armin Humer, DB Schenker und „ESRIUM – Intelligente und vernetzte Straßeninfrastruktur für den hochautomatisierten Güterverkehr“ von Bernd Datler, ASFINAG Maut Service.

In Saal A lautet der Themenschwerpunkt „Emissionsreduktionen in Transportketten: Von der Analyse zu Optimierungsmaßnahmen“ moderiert von Oliver Schauer, Studiengangsleiter Digitales Transport- und Logistik-Management am Logistikum. Beiträge dazu: „Bevor man managen kann, muss man messen“ von Jakob Muus, Founder CEO Track GmbH; „Modal shift – ein Beitrag zum Green Deal?“ von Karl Schauer, Direktor LKW WALTER; „Sustainability, CO2 Emissions & Inland Waterways“ von Lisa-Maria Putz, Professor for Sustainable Transport am Logistikum und Alan Lewis, Technical Director, Smart Freight Centre. Beim zweiten Themenschwerpunkt nach der Pause geht es um „Das Lieferkettengesetz: Worauf müssen sich Unternehmen in Supply Chain und Beschaffung vorbereiten?“, moderiert von Gerald Schönwetter, Professor für Logistik am Logistikum. Beiträge dazu: „Was passiert in meiner Lieferkette? Predicitive Riskmanagement“ von Harald Nitschinger, Co-Founder & Managing Director, Prewave – predictive risk intelligence from social media data sowie „Nachhaltigkeitsratings für Unternehmen“ von Elisabeth Lohmayer, Account Executive Mid-Market, EcoVadis.

Auch in Saal B gibt es Themenschwerpunkte. Der erste lautet „future factories brauchen eine Revolution in der Intralogistik“, moderiert von Martin Riester, Geschäftsbereich Logistik und Supply Chain Management, Fraunhofer Austria Research GmbH. Beiträge dazu: „flexible intralogistics for future factories“ von Roland Sitar, Technology & Automation Manager flex und Patrick Bernauer, Motion & Laboratory Engineer flex sowie „Quantensprung in der Intralogistik durch eine integrierte, KI-basierte Optimierung von mobilen Robotern und Gabelstaplern“ von Wolfgang Hackenberg, Geschäftsführer, SYNAOS GmbH. Themenschwerpunkt zwei: „Shopping von morgen: Logistik zwischen POS (Point-of-Sale) und POD (Point-of-Delivery)“ moderiert von Oliver Schauer, Studiengangsleiter Digitales Transport- und Logistik-Management am Logistikum. Gleich vier Beiträge warten in diesem Bereich: „Global.Web.Shop – Das erste reale Handelshaus in der virtuellen Welt“ von Michael Stockinger, Sales Stranzinger Gruppe; „OmniStore – Neue Wege zu den Kunden“ von Peter Prisching, Director of Shopconsult Umdasch Venture und Michael Schedlbauer, Industry Manager Grocery, TGW Logistics; „Die letzte Meile 2.0“ von Johannes Braith, CEO & Co-Founder, Storebox Holding GmbH und Roland Sitar, Technology & Automation Manager, flex; „WienBox – Ein Service der Wiener Stadtwerke“ von Nadine Adensam, Projektmanagement Wien – Out Of The Box und Stefan Tichacek ,WIENER LOKALBAHNEN GmbH.

Im Rahmen der anschließenden Abendgala im Palais Kaufmännischer Verein in Linz wird der Österreichische Logistik-Preis 2021 verliehen, zuvor wird Wolfgang Lehmacher, Globaler Vordenker und Praktiker der Logistik, Direktor Emeritus Supply Chain & Transport Industries beim Weltwirtschaftsforum über „USA und China im Wettlauf: Auswirkung auf Europa und die globalen Lieferketten“ referieren.

Am 29. September findet dann der eigentliche Österreichische Logistiktag im Design Center Linz statt. Pünktlich um 9 Uhr wird Franz Staberhofer die Eröffnung vornehmen. Hoffentlich hat niemand zu lange beim Networking der Abendveranstaltung gefeiert, denn für die Keynote „Supply Chain: a key to unlock RHI Magnesita’s Transformation“ von Stefan Borgas, President & CEO RHI Magnesita, sollte man wirklich ausgeschlafen sein. Wie schon am Vortag geht es dann dreigeteilt weiter, mit parallelem Programm in den Sälen A, B sowie im großen Saal.

Im großen Saal lautet das erste Thema „Visibility im Transportnetzwerk: Welchen Nutzen ziehen die verladende Wirtschaft und Dienstleister daraus?“, moderiert von Andreas Breinbauer, Leiter der FH-Studiengänge Logistik und Transportmanagement, Fachhochschule des BFI Wien. Die Beiträge dazu: „Integriertes Transportmanagement – Digitale Transformation im Inbound Liefernetzwerk“ von Alfons Dachs-Wiesinger, Director Logistics Network, MAGNA STEYR FAHRZEUGTECHNIK AG & CO KG;

„Sappi‘s fully transparent supply chain powerd by Shippeo“ von Christian Weber, Head of Supply Chain, Service Management, Sappi Europe und Marcel Prengel, Strategic Account Executive, Shippeo; „Vertrauen, Transparenz und Kontrolle – Rezept für eine erfolgreiche Partnerschaft im erfolgskritischen Schlüssel-Prozess der Ersatzteil-Logistik“ von Harald Wegerer, Vice President Customer Service Division, ENGEL Austria GmbH.

In Saal A stehen „Frische und Convenience als Treiber innovativer Handelslogistik“ im Fokus – moderiert von Oliver Schauer, Professor für Logistik am Logistikum. Beiträge dazu: „Gurkerl.at – Wiens innovativster Online-Supermarkt“ von Maurice Beurskens, CEO gurkerl.at sowie „UNIBOX – Kleinstformat in der LEH-Supply Chain“ von Robert Knöbl, Geschäftsführer, UNIMARKT GRUPPE GmbH. Im Saal B dreht sich alles um „Flexible und skalierbare Intralogistik für die Materialbereitstellung und künftige Produktionsanforderungen“ moderiert von Eduard Wünscher, CEO WEGIP GmbH, ehem. CEO KNAPP. Beiträge dazu: „Logistik für eine flexible und wandlungsfähige Produktion“ von Robert Schulz, Institutsleiter, Institut für Fördertechnik und Logistik Universität Stuttgart; „Innovative Lager- und Kommissionierlösungen für Groß- und Kleinteile in der Automobilindustrie“ von Werner Josef Frissenbichler, Geschäftsführender Gesellschafter, FB Automation und Gerhard Krauser, Head of Supply Chain Engineering, Global SCM, MAGNA STEYR FAHRZEUG-TECHNIK AG & CO KG.

Auch nach der Mittagspause muss man sich für einen der drei Säle entscheiden. Schwerpunkt im großen Saal: „Unterschiedliche Kundenerwartungen an verschiedene Absatzkanäle erfordern differenzierte Supply Chain-Strategien für Handel und Produzenten“, moderiert von Klaus Venus, Geschäftsführender Gesellschafter, Ifl Consulting GmbH. Beiträge dazu: „Der Kunde im Fokus – Wertschöpfungskette der Zukunft“ von Michael G. Huber, Head of Global Supply Chain – Demand Supply Intelligence, BSH Hausgeräte sowie „Trends, Strategien & Konzepte für mehr Kundenorientierung in der Handelslogistik“ von Michael Lauer, Prokurist, Group Head of Logistics, MediaMarktSaturn Deutschland.

Spannender Schwerpunkt in Saal A: „Supply Chain-Risk-Management: Sicherung der Warenversorgung und der Liefertreue“ moderiert von Martin Hofer, Geschäftsführer, valantic Supply Chain Excellence GmbH. Beiträge dazu: „Risikomanagement in Halbleiter-Lieferketten – wie globale Flexibilität und andere Maßnahmen Risiken mindern und Chancen nutzen“ von Hans Ehm, Senior Principal Engineer Supply Chain, Infineon sowie „Von den unsichtbaren zu den gewichteten und transparenten Logistikketten – Wie die Zentralität durch Kosten und Verfügbarkeit verändert wird“ von Jürgen Gumpinger, Vice President Group Logistics, KTM AG. In Saal B geht es um „Digitale und automatisierte Supply Chain-Prozesse als Effizienztreiber in traditionellen Unternehmen“ moderiert von Veit Kohnhauser, Fachbereichsleiter Logistik & Operations Management, FH Salzburg. Beiträge dazu: „Wie Digitalisierung Supply Chain-Prozesse im traditionellen Handel optimiert“ von Sabine Thaler, Project Manager, Unser Lagerhaus Warenhandels GmbH sowie „Wie können digitale E2E Supply Chain-Prozesse den Kundennutzen in der Baustoffindustrie steigern?“ von Günther H. Gfrerrer, Head of Supply Chain Management, Wienerberger Building Solutions Wienerberger AG. Ehe sich dann alle aufs Logistik-Bier treffen, lockt noch eine interessante Keynote alle zusammen in den großen Saal: „Chaos in den Lieferketten. Mikro- und makroökonomische Auswirkungen“ von Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft Kiel.

An beiden Tagen gibt es zudem eine spannende Fachausstellung und eine Start-up-Lounge. Für den Einlass kommt die 3G-Regel zum Einsatz, natürlich gibt es auch ein umfassendes Hygienekonzept für eine sorgenfreie Teilnahme.

 


 

Im Vorfeld der Veranstaltung wollten wir vom Vereinsobmann Franz Staberhofer wissen, wie es den Mitgliedern aktuell so geht: „Die Umsätze sind teilweise auf Rekordkurs, in vielen Bereichen sind Unternehmen ausgelastet bis ins zweite Quartal 2022. Eines der Hauptthemen ist natürlich das Personal, beispielsweise in der Gastronomie. Natürlich wird COVID uns weiter beschäftigen, aber wir sind in den letzten 1,5 Jahren gut damit umgegangen, und so wird es auch weiterhin sein. Bei der Veranstaltung bietet wir durch 3G maximale Sicherheit, wie es das Gesetz und auch die Vernunft uns vorschreiben.“ Wie sieht er die aktuellen Bemühungen hinsichtlich Klimaschutz? „Ich stimme der Feststellung des Rechnungshofes zu und bin persönlich davon überzeugt, dass einschneidende, heftige Maßnahmen nötig sind, um eine Änderung zu erzielen. Allerdings sind die Wünsche der Beteiligten oft widersprüchlich und die Konsequenzen und deren Umsetzung sind zu kurz gedacht. So passen der Green Deal und das Lieferkettengesetz teilweise nur schlecht zusammen. Denn wenn Elektroautos die Lösung der Co2 Problematik sein sollen, Lithium aber beispielsweise aus Afghanistan kommt, passt das einfach nicht. Maßnahmen zum besseren Umgang mit Ressourcen sind wichtig, und die Logistik und die Supply Chain müssen ihren Beitrag leisten, aber wir wollen keine sinnlosen Aktionen mittragen. Angenommen, man würde 6 Millionen LKW durch Elektrofahrzeuge austauschen, dann wäre das keine nachhaltige Lösung – besser ist es, weniger LKW einzusetzen, beispielsweise durch neue Transportkonzepte. Es braucht dringend ein Re-Think: wenn man es ernst meint, dann muss man den Themen mit neuen Zugängen begegnen anstatt mit zu kurz gedachten Maßnahmen. Hier fehlt aktuell die Nüchternheit. Darum unser Veranstaltungsmotto, hier werden Beispiele für reale Beiträge aufgezeigt, die sich auch umsetzen lassen.“

 

LOGISTIK express Journal 4/2021

Wer hätte das gedacht? E-Commerce ist doch nicht so böse

Viele halten die momentane, Lockdown bedingte Paketflut für einen ökologischen Supergau – schließlich müssen all die Pakete auch zugestellt werden. Studien zeigen jedoch: im Vergleich zum stationären Einkauf entstehen beim Onlineshopping sogar weniger CO2-Emissionen. Best Practice dazu: die UNITO-Gruppe liefert seit 1.1.2021 CO2-neutral.

Redaktion: Angelika Gabor.

Im Übereinkommen von Paris beschlossen knapp 190 Länder, durch eine Reduktion ihrer Treibhausgasemissionen so stark zu reduzieren, dass der Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2°C gegenüber vorindustriellen Werten begrenzt wird. Sieht man sich die aktuellen Werte an, sieht die Prognose eher düster aus. Umso wichtiger und richtiger ist es, dass Unternehmen sich selbst ambitionierte Ziele stecken, die Zukunft zu sichern. Die UNITO-Gruppe – hierzu zählen beispielsweise die Marken OTTO Österreich, Universal, Quelle und LASCANA – hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 vollständige Klimaneutralität zu erreichen. Möglich macht dies unter anderem die Partnerschaft mit den Logistikdienstleistern Österreichische Post und Gebrüder Weiss.

Im Kalenderjahr 2020 wurden in Österreich, Deutschland und der Schweiz 6,5 Millionen Sendungen für UNITO bewegt, das entspricht rund 1.500 Tonnen CO2. Alleine zu Weihnachten stieg das Sendungsvolumen um mehr als 30 Prozent. Die Bestellmengen werden auch nach Ende der Corona-Pandemie hoch bleiben, erwartet Mag. Harald Gutschi Sprecher der Geschäftsführung UNITO-Gruppe/Otto Group: „Die Menschen fühlen sich wohl beim Onlineshopping. Sie bestellen mehr und vor allem bewusster, so konnten wir im letzten Jahr 20 Prozent weniger Retouren verzeichnen.“ Einen Grund hierfür sieht er auch in der Qualität des Onlineshops: gute Bilder, ausführliche Beschreibungen und auch die Bewertung andere Kunden würden einen aussagekräftigen Gesamteindruck vom Produkt vermitteln und so die Kaufentscheidung erleichtern. Bei diesen Mengen ist der ökologische Fußabdruck natürlich gewaltig. „Unserem Vorstand (insbesondere Aufsichtsratsvorsitzender Prof. Dr. Michael Otto, Anm.) ist Nachhaltigkeit sehr wichtig, und mir persönlich ein großes Anliegen. Wir haben keinen Planeten B“, so Gutschi. „Die Welt ist in Bewegung, und auch die Kunden wünschen sich Regionalität und Klimaschutz und langsam steigt auch die Bereitschaft, dafür zu bezahlen.“ Darum werden ALLE Bestellungen der Gruppe seit 1. Jänner 2021 CO2-neutral zugestellt.

Stationär vs. Onlinehandel.
Für die Studie „Klimafreundlich einkaufen – eine vergleichende Betrachtung von Onlinehandel und stationärem Einzelhandel“ beleuchtete das DCTI Deutsches CleanTech Institut die Transportwege verschiedener Produkte vom Zentrallager zum Kunden unter Berücksichtigung unterschiedlicher Käufertypen, die bestimmte Lebens- und Einkommenssituationen haben und sich unterschiedlich verhalten. Das überraschende Ergebnis: durch den verdichteten Transport der Sendungen durch Paketdienstleister entstehen pro Sendung weniger CO2 Emissionen als beim individuellen Einkauf im stationären Handel – schließlich wird je nach Region ein überwiegender Teil der Einkaufsfahrten mit dem Auto getätigt. Sieht man sich als Beispiel den Kleinartikel Handy an, entstehen beim Kauf im Geschäft zumindest 450 g CO2, wohingegen durch die Bündelung bei der Lieferung aus dem Onlineshop maximal 310 g CO2 freigesetzt werden. Auch bei Großartikeln, wie beispielsweise einem Sofa, fällt die Bilanz mit 8,4 kg zu 8 kg CO2 weniger deutlich, aber dennoch positiv für den Versandhandel aus. In Summe gesehen sind die Einsparungen enorm, denn die Österreichische Post stellt derzeit mehr als 700.000 Pakete pro Tag für UNITO zu und im vergangenen Jahr lieferte Gebrüder Weiss rund 540.000 Großartikel wie Kühlschränke oder Möbel an Haushalte in Österreich.

Starke Partner.
Vermeiden, reduzieren und kompensieren – so die Strategie der UNITO. Bei einem Onlinehändler spielt aber auch die Wahl der Logistikpartner eine wesentliche Rolle in der Gesamtbilanz. In Österreich setzt das Unternehmen daher auf zwei Partner, die sich selbst schon lange der Nachhaltigkeit verschrieben haben. So stellt etwa die Österreichische Post AG bereits seit 2011 sämtliche Briefe, Pakete, Zeitschriften und Werbesendungen CO2-neutral zu. „Wir waren weltweit der Vorreiter bei der CO2-neutralen Zustellung, und bis 2030 wollen wir auf der letzten Meile sogar CO2-frei sein“, bestätigt DI Dr. Georg Pölzl, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Post AG. Derzeit läuft ein massiver Umbau, um dem steigenden Paketaufkommen Herr zu werden: dezentrale Logistikstandorte, eigene Photovoltaikanlagen und die Zusammenführung der Brief- und Paketinfrastruktur helfen, die gesetzten Klimaziele zu erreichen. „Durch den Einsatz von Elektromobilität konnten wir zwischen 2014 und 2019 bereits 4.396 Tonnen CO2 einsparen, und unser E-Fuhrpark wächst weiter an.“ So wird Graz 2021 als erste Stadt in Österreich mit 100% emissionsfreier Zustellung zum neuen Vorreiter in puncto Klimaschutz bei der Post. Mit Elektrofahrzeugen hat die Post schließlich Erfahrung, denn schon im Jahr 1913 wurde mit dem Daimler-Tudor Elektro-Paketwagen elek-trisch zugestellt. Heute umfasst die E-Flotte bereits mehr als 2.100 moderne Fahrzeuge, die mit Strom aus den fünf hauseigenen PV-Anlagen betrieben werden. „Aktuell nicht vermeidbare Emissionen kompensieren wir durch Zertifikate 72 nationaler und 75 internationaler Klimaschutzprojekte – geprüft und bestätigt vom TÜV AUSTRIA“, führt Pölzl aus.

Für die Auslieferung größerer Artikel vertraut UNITO auf Gebrüder Weiss – das älteste Transportunternehmen der Welt mit mehr als 500jähriger Firmengeschichte. „Gerade im Lockdown konnte man den Stellenwert der Logistiker bei der Versorgungsleistung der Bevölkerung erkennen. Die Fahrer wurden quasi zu den Krankenschwestern der Logistik“, meint Dipl.-Bw. Jürgen Bauer, MBA, Mitglied der Geschäftsführung der Gebrüder Weiss Gesellschaft m.b.H. „Seit jeher ist unsere Kernkompetenz, Transporte effizient zu bündeln, wodurch der Einfluss auf die Umwelt minimiert wird.“ Gezielte Maßnahmen im Rahmen der GWcares Initiative zielen gleichermaßen auf soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit ab. „Unser Ziel ist es, unseren CO2-Ausstoß jährlich um 10 Prozent zu reduzieren und bis 2030 komplett CO2-neutral zu agieren“, verkündet Bauer. Während in der letzten Meile bereits E-Fahrzeuge zum Einsatz kommen, setzt das Unternehmen für die europaweite Hauptlaufüberwindung auf Gas-LKW als Brückentechnologie. „Gemeinsam mit Kunden planen wir, Konzepte für angrenzende Länder mit Elektrofahrzeugen zu erstellen. Momentan scheitert es Großteils an der mangelnden Ladeinfrastruktur.

In der Schweiz machen wir mit Wasserstoff-LKW sehr gute Erfahrungen, aber für Österreich ist das aktuell nicht umsetzbar“, bedauert Bauer. Auch hier fehle es an der Ladeinfrastruktur, rund 15 Wasserstoff-Tankstellen mit ausreichendem Ladedruck für die Betankung eines LKW seien nötig für einen flächendeckenden Einsatz in Österreich. Bis dahin helfen Photovoltaik-Anlagen auf Logistik-Terminals, ein eigener Windpark, Pool-Fahrzeuge und E-Bikes für Mitarbeiter und klimafreundliche Schienentransportlösungen wie der Ganzzug Orange Combi Cargo für die Verringerung des CO2-Ausstoßes. Auch hier wird der Rest kompensiert, im Falle der UNITO unterstützt Gebrüder Weiss ein zertifiziertes Energieef-fizienz-Projekt in Ruanda. Das langfristige Ziel: bis 2030 auch ohne Kompensation 100 % Klimaneutralität zu erreichen. Auch wenn die Corona-Pandemie momentan die Medien und den Alltag als Thema Nr. 1 beherrscht, so darf trotzdem nicht auf das Klima und die Nachhaltigkeit im unternehmerischen Tun vergessen werden. Die UNITO-Gruppe, Post und Gebrüder Weiss zeigen, dass mit Innovation und Wille ökolo-gische Lösungen umsetzbar sind, die nicht im Widerspruch zum unternehmerischen Erfolg stehen. (AG)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 1/2021

 

Delivery-Experte Seven Senders expandiert nach Österreich

SEVEN SENDERS ist die Delivery-Plattform für den Paketversand. Das Unternehmen verbindet Versender mit seinem Carrier-Netzwerk aus über 100 Paketzustellern in Europa und ermöglicht exzellenten, lokalen Versand als Wettbewerbsvorteil. Thomas Hagemann und Günter Birnstingl von Seven Senders geben Auskunft.

Redaktion: Peter Nestler.

Peter Nestler: Seven Senders ist in Österreich ein relativ neuer Marktteilnehmer in der Verteillogistik. Was können Sie einbringen, was nicht ohnehin schon da ist?

Thomas Hagemann: Was ich an dieser Stelle immer zurückfrage ist: Was ist denn schon da? Wir haben in Europa – und auch in Österreich – die Situation, dass wir zwei bis drei sehr gute Dienstleister haben, um Pakete zuzustellen. Das ist in Deutschland zum Beispiel die DHL und Hermes und das sind in Österreich die Österreichische Post und DPD. Das ist der lokale Blick auf das Geschäft und unter diesem Gesichtspunkt haben wir Seven Senders gegründet. Wir haben in den vergangenen sechs Jahren Millionen Pakete von europäischen Ländern über Ländergrenzen hinweg nach Österreich gebracht und sind mittlerweile unter den Top Ten der Paketlieferanten der Österreichischen Post. Was wir mit dem Markteintritt in Österreich gemacht haben, ist, dass wir das umdrehen. Wir bieten den Händlern in Österreich an, deren Export zu machen. Das ist etwas, was mit den lokalen Dienstleistern nicht unbedingt erreicht werden kann, weil die in den Zielländern für den Export nicht das Netzwerk haben wie wir.

Nestler: Welcher Part des Liefergeschäftes ist bei Seven Senders in Österreich größer – Incoming oder Outgoing?

Hagemann: Aus österreichischer Sicht ist das Volumen der Lieferungen aus dem Ausland nach Österreich deutlich höher. Wir haben ja gerade erst mit dem Exportgeschäft gestartet – in Österreich mit Günter Birnstingl. Wir haben aber bereits die ersten größeren Kunden in Österreich wie Blue Tomato.

Nestler: Wie läuft das Exportgeschäft bei Seven Senders in Österreich ab? Wickelt ihr das zur Gänze selber ab oder wird das mit Partnern abgewickelt, je nach Volumen oder nach anderen Kriterien?

Hagemann: Es ist ein klassisches B2B-Geschäft, üblich zu dem, was man aus Partnerschaften im Vertrieb kennt. Das heißt, es gibt Warenverträge über meistens mindestens ein Jahr. Man legt sich zudem fest, wohin man versenden möchte und man wählt gemeinsam die Versanddienstleister aus, die dann beim Empfänger, auf der letzten Meile, vor der Haustüre der Kunden stehen sollen. Und natürlich ist es unser Ziel, in jedem Land zu helfen, je nach Menge, Aufkommen und Art der Pakete. Zur Grundaussage: Wir möchten den gesamten europäischen Versand übernehmen – macht das überhaupt Sinn? Nein, weil es immer eine kritische Menge braucht, die pro Zielland erforderlich ist.

Nestler: Wie sieht das aus in den Verhandlungen mit ihren Kunden? Irgendwo muss man ja in einem Zielland beginnen und sich festlegen.

Hagemann: Es werden die gewünschten Zielländer einzeln verhandelt und wir entscheiden das selber pro Länderrelation, wem wir das Geschäft dann geben. Wir kämpfen dann selber pro Land um jede Länderrelation und manche gewinnen wir und manche verlieren wir. Das ist das ganz normale Business.
Nestler: Gibt es da Länder, die sie tendenziell leichter gewinnen aufgrund ihres Netzwerkes?

Hagemann: Ja, ganz sicher. Wenn wir unsere Stärken anschauen, dann liegen diese in den 12 bis 13 Top-Konsumländern in Europa. Das sind in der Regel auch eher die ökonomisch starken Volkswirtschaften, respektive die großen Länder. Also die DACH-Länder, Italien, Spanien, Frankreich, Polen, Tschechien, Skandinavien und UK.

Nestler: Und über welches Geschäft sind sie am glücklisten bei Seven Senders aufgrund der Marge?

Hagemann: Über Margen sprechen wir natürlich nicht so offen. Aber man kann sagen: Es ist dann immer attraktiv für beide Seiten, wenn man Komplexität lösen kann. Wir sind stolz darauf, dass wir kein klassischer Makler sind. Also wir kaufen keine Paketmarke ein für 3 Euro und verkaufen die im Internet für 3,02 Euro weiter. Sondern wir bauen gesamte Lieferketten auf, die wir auch betreuen, versichern und abwickeln mit unserem Transportmanagement-Team und unseren Lkw-Partnern. Viel Komplexität lösen – das kann im Zollbereich sein. Zum Beispiel bereiten wir jetzt einige Kunden auf den Brexit vor, oder das Zielland Schweiz. Das kann aber auch sein, dass wir für Kunden Multi-Carrier-Lösungen aufbauen. Zum Beispiel möchten in Frankreich rund 30 Prozent der Kunden gerne an eine Packstation gelieferte haben, was La Poste in dem Zusammenhang nicht anbietet. Da geht es dann darum, dass wir den Stream auf verschiedene Carrier aufteilen. Darüber Komplexität zu lösen, bringt sicher den größten Mehrwert für unsere Kunden.

Nestler: Mit welchen Partnern arbeiten sie zusammen, wenn man sich die Lieferketten so ansieht?

Hagemann: Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen Hauptlauf und letzte Meile. Viele nennen es den Vorlauf, für uns ist der weite Weg mit dem Lkw der Hauptlauf. Da arbeiten wir mit Speditionen und haben dazu in den vergangenen Jahren einige wenige Partnerschaften geschlossen. Wir sind da aber komplett transparent und wissen, dass sich der Markt in dem Bereich sehr stark bewegt. Denn der Markt muss ja selbst opportunistisch funktionieren, je nach ökonomischer Lage. Und damit sind wir da immer frei in der Wahl und arbeiten von Gebrüder Weiss über Wackler über DHL Freight etc. mit allen Marktpartnern zusammen, auch mit digitalen Speditionen wie Insta Freight. Auf der letzten Meile arbeiten wir dann mit fixen Partnerschaften, aber stets mit Hinblick auf das Verhältnis Kunde-Dienstleister. Aber das sind natürlich langfristig gewachsene Geschäftsbeziehungen, denn gerade die letzte Meile ist schon ein sehr statisches Unterfangen in Europa.

Nestler: Wer sind auf der letzten Meile die Partner in Österreich?

Günter Birnstingl: In der Hauptsache Die Österreichische Post und DPD, aber wir reden zum Beispiel auch mit Liefery.

Nestler: Wie sieht es aus mit euren Versicherungspartnern, wurden die länderübergreifend ausgewählt? Oder gibt es da einen Globalpartner?

Hagemann: Wir haben einen Globalpartner für die gesamte europäische Lieferkette end-to-end. In den vergangenen Jahren wird auf der letzten Meile sehr e-commerce-orientiert versendet. Die Handhabung bei den Versicherungen ist aber in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich. Da wird gedanklich noch stark auf das Thema Sonderziehungsrechte eingegangen und es wird gesagt: 8 Euro pro Kilo oder ein Euro pro Kilo. Am Ende muss man aus Konsumentensicht sagen: Das kommt schon fast einer Verweigerung der Versicherung gleich. Wir haben das mit einem Produkt gelöst, das wir gemeinsam mit einem großen Rückversicherer bzw. einer Versicherung im Transportbereich lösen, und zwar über alle Grenzen hinweg.

Nestler: Gesetzt den Fall, sie sind bei einem neuen potenziellen Kunden in Österreich, den sie mit ins Boot holen wollen. Mit welchen Argumenten überzeugen sie den?

Hagemann: Es geht um das Thema Flexibilität und gleichzeitig um Komplexität. Wir verstehen uns einerseits als Logistikunternehmen, andererseits aber auch sehr stark als Technologieprovider. Wenn sich jemand dem europäischen Markt als Onlineshop nähert, dann liegen da schon einmal die unterschiedlichsten Komplexitäten im Shop selber vor und mit der Steuer. Wenn man dann auch noch mit 15 verschiedenen Last-Mile-Carriern kooperieren muss, dann beginnt man Valium in der IT-Abteilung zu verteilen, wenn es darum geht, die unterschiedlichsten Label-Anforderungen zu platzieren.

Dem Händler geht es darum, das Einkaufserlebnis seiner Kunden zu einem Konsumenten-Event zu gestalten. Wir sind hier stark eingebunden, indem wir zum Beispiel track und trace erledigen, was heute bereits Standard sein sollte. Andererseits sind wir in der Lage, die unterschiedlichsten Themen, wie etwa Buchhaltung, E-Mail-Aviso, Kaufabwicklung etc. anzubieten. Unser Angebot geht weit über die Frage wie hoch ist der Transportpreis und wer ist mein Carrier hinaus.

Es geht sehr stark in die Technologiewelt hinein. Das entspricht natürlich dem Zahn der Zeit. Für uns gilt wiederum, dass wir das nicht selber programmieren müssen, sondern als third party zukaufen können. So können wir sehr schnell neue Märkte erschließen. Der Kunde kann einzelne Leistungen aus unserem Produktportfolio herauskaufen, aber es ist nie ein Zwang dahinter. Er ist also frei in seiner Carrierwahl und er ist frei darin, welche Zusatzleistungen er braucht.

Nestler: Kommt es auch vor, dass Kunden nach Gesprächen mit ihnen den Carrier für die letzte Meile geändert haben?

Hagemann: Durchaus! Die letzte Meile ist bei uns genau das, wofür wir stehen. Man kann die immer ändern. Die Stärke von Seven Senders hat man besonders mit Corona gut gesehen. In Frankreich ist die Post nach Ausbruch der Pandemie dort völlig eingebrochen. Es wurde über Tage und teilweise über Wochen hinweg allen E-Commerce-Händlern nur ein bis maximal zwei Anliefertage gegeben. Da gab es natürlich bei uns einen Ansturm von Anfragen zu einem Carrierswitch. Viele Onlinehändler hatten sich ja nicht mit Alternativen abgesichert, was einen Fallback-Carrier angeht. Da sind viele unserer Kunden zu GLS geswitcht, weil die ihr Netzwerk zu dieser Zeit besser in Griff hatten.

Nestler: Wie hat sich ihr Geschäft beim ersten Aufflackern der Coronakrise entwickelt?

Hagemann: Nach einem ersten Einknicken hat es sicher eine merkliche Zunahme der Volumina aus dem Onlinehandel gegeben. Die Menschen haben zu der Zeit einfach das gekauft, was sie zu dem Zeitpunkt brauchten oder haben wollten: Wir haben zum Beispiel Lkw-weise Brotbackmaschinen nach Italien geliefert. Es hat aber auch sehr viele Händler gegeben, denen es nicht so gut ging – etwa im Bereich Mode und Accessoires. Da haben sich die Konsumenten ganz einfach gesagt: Wenn ich nicht weiß, ob ich überhaupt auf Sommerurlaub fahren kann, warum soll ich mir ein neues Outfit dafür kaufen. Rückschauend betrachtet hat der Onlinehandel insgesamt klar von der Coronakrise profitiert. Man rechnet mit einem Sockel-Uplift in zweistelliger Prozenthöhe. Das heißt, wir gehen davon aus, dass der E-Commerce damit auf ein neues Plateau gehoben wurde und von dort aus weiterwachsen wird. Es wurden in dieser Zeit sicher auch neue Kunden gewonnen, die davor noch nicht online gekauft haben. Es gab also quasi einen Zeitsprung für den Onlinehandel.

Nestler: Wie wird sich das Geschäftsjahr 2020 vorausblickend entwickeln?

Hagemann: Das laufende Geschäftsjahr wird am Ende sehr positiv ausfallen. Wir haben von Mehrverkäufen profitiert. Wir hatten aber auch Herausforderungen in einzelnen Geschäftsbeziehungen, was die Kontaktaufnahme betrifft. Es war sicher nicht das grandiose Jahr für den B2B-Geschäftsvertrieb. Auch wir mussten uns auf remote umstellen, so gesehen war es ein herausforderndes Jahr. Aber unterm Strich sind wir sehr zufrieden.

Nestler: Herr Birnstingl, was sind die Pläne für Österreich?

Birnstingl: Wir wollen beweisen, dass Österreich durchaus eine europäische Chance hat, dass die österreichischen Händler sich der Themen Webshop und Internationalisierung angenommen haben. In Österreich haben die Händler immer schon in die Nachbarländer geblickt. Da ist sicher eine gewisse Offenheit gegeben, die sich nun verstärkt hat.

Nestler: Bereuen sie den Markteinstieg in diesen schwierigen Zeiten?

Birnstingl: Es gibt jetzt eine Aufbruchstimmung, die Themen Digitalisierung, neue Märkte, Wachstum etc. spielen eine Rolle. Von daher bin ich davon überzeugt, dass es der richtige Zeitpunkt für uns ist.

Nestler: Gibt es ein Logistikprodukt, für das Seven Senders typisch ist oder dass es nur bei euch gibt?

Hagemann: Meines Wissens sind wir einzigartig. Und zwar in der Art, wie wir die Supply Chain lösen. Seven Senders kann nicht bestehen mit dem Mehrheitsbesitz einer Postgesellschaft, denn wir stehen für grenzenlose Freiheit. Das heißt, man soll auf der letzten Meile jeden Carrier wählen können, den man will.

Markus Jaklitsch: Seven Senders ist Venture Capital finanziert. Wie sieht es mit den Finanzen aus. Trifft man sich da und beschließt, wir schießen wieder ein paar Millionen zu?

Hagemann: So hemdsärmelig würde ich das nicht formulieren. Natürlich gibt es die regelmäßigen Board Meetings, in denen man die Lage bespricht. Unsere Finanzpartner sind bekannt, es gab im Juni 2019 die letzte Finanzierungsrunde und wir sind derzeit finanziell gut aufgestellt. Diese Mittel werden sicher auch 2021 noch reichen und dann schauen wir weiter. In einem gewissen Maße sind wir auch glücklich darüber finanziell unabhängig von den Kapitalmärkten zu sein. Wenn man sich anschaut, wofür Onlinehändler Fremdkapital brauchen, dann sind das Marketingkosten und Working Capital. Das haben wir beides nicht.

Wir sind in der Lage selbständig zu überleben. Wir sind so gepolt, dass wir nicht das Rennen um die größte Finanzierungsrunde bestreiten wollen. Am Ende gibt es aber immer einen trade-off zwischen sehr starkem Wachstum und darin kein Kapital aufzunehmen.

Jaklitsch: Sie haben Zalando als Kunden. Wie läuft das Geschäft?

Hagemann: Zalando ist nicht unser Kunde, sondern unser Partner. Zalando ist eine Plattform und die Partner von Zalando sind unsere Kunden. Ein Händler, der über Zalando verkauft und der nicht die Logistik machen kann oder will, das sind unsere Kunden. Zalando pusht die Händler in gewisse Lieferkanäle. Das heißt, wenn ich als Händler in Hamburg über zalando.at verkaufen will, muss ich auf der letzten Meile auch einen bestimmten Carrier nehmen. Und genau da helfen wir den Händlern. Wir sind also das Logistik enabling für Händler, die auf Zalando verkaufen.

Jaklitsch: Bestehen Überlegungen mit Amazon in Kontakt zu treten?

Hagemann: Wir sehen Amazon als potenziellen neuen Wettbewerber auf der letzten Meile. Wir gehen sehr stark davon aus, dass Amazon zukünftig in unserem Letzte-Meile-Portfolio auftauchen wird als ganz normaler Dienstleister neben den Postdiensten. In UK ist das schon passiert.

Jaklitsch: Wollt ihr auch stärker in den B2B-Bereich gehen?

Hagemann: Da stellt sich mir die Frage: Was ist B2B? Ich mache für mich gedanklich immer eine Matrix auf: Es gibt das schöne E-Commerce Standardpaket, das eine sehr schnelle und zuverlässige Laufzeit haben muss. Und auf dem anderen Ende der Skala gibt es ein time definite express B2B-Paket, das hochsensitiv ist – zum Beispiel Ersatzteilschrauben für einen Windpark im Norden von Schottland, die am nächsten Tag zwischen 10 und 10:30 Uhr an dem Ort sein müssen. Und dazwischen gibt es natürlich ganz viel. Die Antwort lautet für uns: Wir schauen uns B2B an, aber nicht in den nächsten 12 bis 18 Monaten das time definite express B2B-Paket. B2B-Pakete aus dem E-Commerce oder vielleicht sogar aus der Industrie gerne, aber ehrlicherweise mit einer relativ humanen Laufzeitanforderung, dafür aber mit einer hohen Liefertreue. Das können wir uns schon vorstellen.

Nestler/Jaklitsch: Danke für das Interview!

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 6/2020

Des einen Leid, des anderen Freud: Corona als Digitalisierungs-Push

Mit der Verkündung des zweiten harten Lockdowns Mitte November bis voraussichtlich 6. Dezember 2020 wurden gleichzeitig weitere Unternehmer in den Ruin getrieben. Der Onlinehandel hingegen freut sich kurz vor Weihnachten über noch stärkere Zuwächse. Einer der Gewinner: die UNITO-Gruppe mit ihren bekannten Shops OTTO, Universal, Quelle, LASCANA und mehr.

Redaktion: Angelika Gabor.

Schon beim e-Commerce Logistik Tag im September zeigte sich Mag. Harald Gutschi, Sprecher der Geschäftsführung der UNITO-Gruppe, sehr zufrieden über die Umsatzentwicklung. Denn nach einem kurzen Einbruch der Bestellungen zu Beginn der Pandemie sind die Umsätze schier explodiert: „Zuerst waren es Kühlschränke, Schreibtische und Laptops sowie Jogginghosen, danach waren Swimmingpools und Fahrräder ausverkauft. Während des Lockdowns hatten wir teilweise kurzfristig Wachstumsraten von 100 Prozent im Vergleich zu 2019.“

Insgesamt erwirtschaftete die Gruppe im Zeitraum vom 1. März bis 31. August 2020 einen Gesamtumsatz von 201,5 Millionen Euro, ein Plus von 12,8 Prozent. Noch deutlicher der Zugewinn im reinen Warengeschäft: 18 Prozent mehr Umsatz – im Vergleich zu einem Marktwachstum von 7 Prozent laut „E-Commerce-Studie Österreich 2020“der KMU Forschung Austria.

Sieht man sich die Segmente genauer an, muss sich das Umsatzwachstum von 41 Prozent bei den „Stay at home“-Artikeln (Haushaltswaren, Möbel, Heimtextilien) nur jenem von 54 Prozent im Baumarkt-Segment geschlagen geben. Denn wer zu Hause bleiben muss, möchte es zumindest schön und bequem haben. Die Gruppe erntet nun die Früchte davon, sich schon in den letzten Jahren vom Kataloghändler zum Onlinespezialisten gewandelt zu haben. „Etwa alle 100 Jahre gibt es so Einmal-Effekte wie eben jetzt diese Pandemie, die zu einem Umbruch, einer Beschleunigung der gesellschaftlichen Entwicklung führt. Dieser „digitale Arschtritt“ hat uns in der Entwicklung um etwa fünf Jahre nach vorne katapultiert. Die Verlagerung in den Onlinehandel wäre unweigerlich gekommen, aber schrittweise. Die jetzige Änderung ist aus meiner Sicht irreversibel.“ Schließlich würden die Kunden zunehmend die Bequemlichkeit und zeitliche Unabhängigkeit des eCommerce zu schätzen wissen – und zwar alte, wie auch neue.

Die Zuwächse hat das Unternehmen nämlich nicht nur treuen Stammkunden zu verdanken, sondern auch beinahe 400.000 Neukunden, die während des Lockdowns erstmals bei einem der UNITO-Onlineshops bestellt haben. „Besonders erfreulich für uns ist, dass es sich um hochwertige neue Kunden mit gutem Nachfolgeverhalten handelt, es bleibt also nicht bei Einmalbestellungen“, zeigt sich Gutschi begeistert. Gleichzeitig ist die Retourenquote stark gesunken, liegt je nach Produktgruppe zwischen 7 und 10 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Gründe hierfür sind neben Struktureffekten (weniger Textilien) bessere Produktbeschreibungen und vor allem eine selektivere Bestellung durch die Kunden. Es zeigt sich, dass viele Menschen durch diese erzwungene Pause im stationären Handel auf den Geschmack gekommen sind und etwaige Berührungsängste verloren haben. „Zu Beginn der Krise spürten wie die Dankbarkeit der Kunden für die Versorgungsfunktion während des Lockdowns, doch sehr schnell kristallisierte sich dann ein sehr hohes Anspruchsdenken heraus. Lieferzeiten von mehreren Wochen sind inakzeptabel“, so Gutschi.

Logistik als Lebensader.
Der beste Onlineshop ist nur so gut wie seine Logistik, denn schließlich müssen die Waren auch zum Kunden gebracht werden – und das möglichst schnell und unkompliziert. Die Zuverlässigkeit und damit der Erfolg eines Unternehmens sind untrennbar mit der Zustellung verknüpft. In Österreich setzt UNITO auf die Post und Gebrüder Weiss als Partner bei der Zustellung. Die Logistikstandorte sind dezentral organisierte 24h-Läger. Bei den Zustellungsvarianten fordert Gutschi mehr Mut und Kreativität: „Der Kunde möchte seinen Laptop so schnell wie möglich. Also warum verlange ich nicht 15 Euro extra für Same-Day-Delivery, statt nur gratis Abholung zu bieten? Das Abendessen wird ja auch für zwei Euro extra geliefert. Der Warenrohertrag ist in den letzten Jahren stetig gesunken, da kommen neue Erlösströme genau recht.“ Wichtig sei die Zufriedenheit der Kunden, denn dann würden sie auch öfter kaufen.

Aufschwung durch US-Wahlergebnis.
Die USA sind nach Deutschland der zweitgrößte Exportmarkt für Österreichs Unternehmen, unzählige Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt von einem uneingeschränkten Handel mit den USA ab. Handelskonflikte wirken sich negativ auf die Unternehmen und die Beschäftigten und somit natürlich auch unmittelbar auf deren Kaufkraft aus. „Die Welt atmet auf“, fasst Gutschi das Wahlergebnis treffend zusammen. Der unmittelbare Aufschwung an den Börsen war ein deutliches Signal. „Es ist wichtig, dass der amerikanische Präsident als Führer der freien Welt zu seinem Wort steht und verlässlich ist. Biden wird den Freihandel forcieren und es wird wieder ein kultivierterer, zivilisierterer Umgangston herrschen – wenngleich auch er ein durchaus harter Verhandlungspartner sein kann“, meint Gutschi und fügt an: „hätte Trump die Coronakrise besser gemanagt, hätte er vermutlich wieder gewonnen.“ Doch im Coronajahr 2020 ist eben alles anders.

Aktuell blickt Handelsexperte optimistisch in die Zukunft: „Ich erwarte für 2021 eine spektakuläre Wiederauferstehung der Wirtschaft. Nach diesem gewollten Runterfahren werden die marktwirksamen Kräfte wieder greifen. Jammern ist keine unternehmerische Tätigkeit, das kommende Jahr wird super.“ (AG)

Die UNITO-Gruppe ist eine Tochter der Baur-Gruppe und Teil der Otto Group. Marken: Universal, OTTO, Quelle, Lascana, OKO (Österreich) Ackermann, Quelle, Lascana (Schweiz) sowie Quelle (Deutschland). 51.800 Mitarbeiter weltweit mit über 100 Unternehmen.

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 6/2020

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