Trump erlässt wegweisende Vorschriften für Amazon & Co.

Eine Plattformhaftung für Produktfälschungen stellt in den USA den Amazon Marketplace vor große Herausforderungen. Präsident Donald Trump setzt um, was der österreichische Handelsverband für Europa seit langem fordert. Wann handelt die EU, um digitale Fairness herzustellen?

Beitrag: Gerald Kühberger.

Schlechte Nachrichten für Jeffrey Bezos – gute Nachrichten für Fair-Commerce. Die Trump-Administration hat Ende Jänner neue Regeln zur Bekämpfung von Fake-Produkten im eCommerce präsentiert. Die neuen Richtlinien, die vom Department of Homeland Security (DHS) veröffentlicht wurden, sehen künftig eine Plattformhaftung für Produktfälschungen vor.

Weltweiter Umsatz mit Produktfälschungen wächst jährlich um 15%.
Der Hintergrund: Jahr für Jahr wächst das weltweite Geschäft mit Fake-Produkten um rund 15%, heuer soll erstmals die Marke von 1,8 Billionen US-Dollar überschritten werden. Mehr als ein Viertel davon entfällt laut Global Brand Counterfeiting Report auf den eCommerce. Das neue US Rahmenprogramm für Zoll- und Grenzschutz verlagert nun die Verantwortung für derartige Produktfälschungen auf Plattform-Betreiber wie Amazon. Damit sollen künftig in den USA Lager und Fulfillment-Zentren rechtlich und finanziell für die Schäden durch Produktpiraterie haften.

Digitalisierung durch Chancengleichheit für den österreichischen Handel voranbringen Das ist ein richtungsweisender Weg für FairPlay im eCommerce. Die USA setzen damit um, was der österreichische Handelsverband für Europa schon seit Jahren fordert – eine Plattformhaftung für Produktfälschungen. Nur durch digitale Fairness sind Innovationen leistbar und Internationalisierungsschritte in der Europäischen Union möglich. Die neuen Vorschriften bedeuten jedenfalls eine strengere Durchsetzung der amerikanischen Einfuhrgesetze.

Plattformen wie Amazon sollen in Zukunft auch selbstständig die Vernichtung von Schmuggelware durchführen, die nicht vom US-Zoll beschlagnahmt wurde. Darüber hin-aus müssen die eCommerce-Marktplätze den Behörden umfangreiche Daten über ihre Drittanbieter zur weiteren Überprüfung bereitstellen. Laut Donald Trump sollen die neuen Regeln nicht nur das geistige Eigentum der USA schützen, sondern auch die öffentliche Sicherheit gewährleisten, die durch gefälschte Waren bedroht werde.

Der Handelsverband hatte Amazon & Co zuletzt im Dezember 2019 zu mehr Aktivität gegen die asiatische Plagiatsindustrie aufgerufen. Immerhin stammt bereits jeder  dritte Top-Seller auf dem Amazon Marktplatz aus China. Daher muss die Nutzung bestehender technologischer Möglichkeiten der Fake Prevention ebenso eingefordert werden wie ein proaktives Screening insbesondere bei marktdominanten Plattformen.

Betrugsbekämpfung als Beitrag für GreenCommerce.
Überdies leistet eine effektive Betrugsbekämpfung auch einen wertvollen Beitrag für mehr Nachhaltigkeit im Handel, da damit der Verkauf minderwertiger oder gefährlicher Fake-Produkte in Europa unterbunden werden kann. Die Flut an Plagiaten auf dem umsatzstärksten Marktplatz des Landes bringt große Herausforderungen mit sich. Der Zoll erzielt bereits Erfolge durch Schwerpunktkontrollen, es braucht aber ein entschlossenes Vorgehen der Politik, um die Musterbeispiele anderer Länder in Gesetze zu gießen. Alle wollen nachhaltiger leben, daher muss Österreich die offenen Scheunentore schließen, die durch minderwertige Kunststoffe befüllt werden, die davor quer um den Planeten reisen.

Das ist die Basis für GreenCommerce, aber auch für FairCommerce, um in Zeiten der Plattformökonomie die Potentiale heimischer Qualitätsanbieter für den internationalen Handel zu fördern. (GK)

E-Magazin Archiv: LOGISTIK express Journal 1/2020  https://epaper.logistik-express.com/
#politics #management

Der deutsche Mittelstand – Aufbruch in das digitale Zeitalter

Vernetzte Produktion, Big Data Analytics, Digitale Kommunikation – täglich durchdringen Schlagwörter wie diese die Industrie und verdeutlichen damit den flächendeckenden Präsenz und Relevanz der Digitalisierung. Waren es zu Beginn überwiegend Konzerne, die sich in das digitale Zeitalter aufmachten, so schlagen mittlerweile auch verstärkt mittelständische Unternehmen diesen Weg ein. Während ERP-Systeme immer breitere Verwendung finden, steigt gleichzeitig die Funktionalität der Maschinen. Dass sich daraus ein Konflikt ergibt, ist ein gutes Beispiel für die stetig wachsende Komplexität der IT-Landschaft.

Redaktion: Angelika Gabor.

Um sich den neuen Herausforderungen zu stellen und eine wettbewerbsstarke Position im Zeitalter der Digitalisierung zu schaffen, wird vermehrt in Digitalisierungsvorhaben investiert und digitale Geschäftsmodelle entwickelt. Die Investitionsvolumina sind unermesslich, der Nutzen allerdings nicht absehbar und quantifizierbar. Dabei mangelt es häufig an Know-How und Erfahrung. Beratungsunternehmen empfehlen in diesem Zusammenhang oft nur unklare Maßnahmen und berücksichtigen dabei nicht die speziellen Bedürfnisse des Mittelstands. Vor diesem Hintergrund stellt sich die CONCEPT AG die Forschungsfrage „Was braucht ein mittelständisches Unternehmen, um sich erfolgreich in das digitale Zeitalter aufzumachen?“.

Die CONCEPT AG ist eine unabhängige Management- und Umsetzungsberatung mit Sitz in Stuttgart. Seit über 20 Jahren und mit Standorten u.a. in Türkei und Brasilien, beraten Experten für Operations insbesondere mittelständische Unternehmen bei der Umsetzung schlanker Prozesse in Produktion und Logistik, Restrukturierung sowie Kosten- und Working-Capital-Optimierung. Um die Forschungsfrage zu beantworten, führte die CONCEPT AG in Kooperation mit sechs Studierenden der ESB Business School in Reutlingen und gemeinsam mit Prof. Dr. Marco Schmäh (Professor am Lehrstuhl für Marketing und Vertriebsmanagement und Mitglied des Instituts PSM) eine Studie durch. Auf Basis erforschter Kerntrends der Digitalisierung war das Ziel, mittels einer quantitativen Umfrage zu ermitteln, wie digitalisiert der Mittelstand derzeit ist, sowie jene Trends zu identifizieren, die den größten Nutzen für den Mittelstand stiften. Das aus den gesammelten Daten abgeleitete Resultat ist eine Digital Roadmap, die mittelständischen Unternehmen den Weg zur digitalen Transformation aufzeigt und als Umsetzungs-Meilensteinplan fungiert.

Vorgehensweise der Forschungsarbeit.
Anhand einer Marktforschung – unterschiedlilche Studien und Berichte aus der Industrie wurden ausgewertet – wurden vorhandene Trends und Technologien und in weiterer Folge treibende Kerntrends identifiziert. Darauf basierend erfolgte eine Feldanalyse mittels einer quantitativen Online-Umfrage bei Unternehmen des produzierenden Mittelstands. In der letzten Projektphase schließlich wurden die gewonnenen Informationen validiert und der Digitalisierungsstand ermittelt. Darüber hinaus lassen sich Rückschlüsse aus Korrelationen zwischen Kerntrends und Nutzenvorstellung des produzierenden Mittelstands ableiten. Eine Digital Roadmap rundet die Studie als Endergebnis des Gesamtvorhabens ab. Basierend auf den ermittelten Erkenntnissen stellt sie einen Leitfaden zur digitalen Transformation für den produzierenden Mittelstand dar.

Marktforschung – Trends der Digitalisierung.
Die Studie der Hochschule für Angewandte Wissenschaften St. Gallen aus dem Jahr 2017 sieht insbesondere Cloud Computing und Internet der Dinge als signifikante Treiber der Digitalisierung. Demnach sollen bis 2020 über 20 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein (FHS St. Gallen 2017, S.30ff.). Die Studie “Wirtschaft Digital 2017” des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erkennt insbesondere im Bereich Big Data und Digitale Plattform große und noch ungenutzte Chancen (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie 2017, S.14). Weiterhin spricht das Institut für Mittelstandsforschung der Implementierung einer digitalen Arbeitsumgebung und eines digitalen Geschäftsmodells hohe Bedeutung zu (ifM 2015, S.15ff.). Insgesamt lassen sich aus den Forschungsergebnissen neun wesentliche und treibende Kerntrends der Digitalisierung identifizieren. In Anlehnung an die Quellen und im Austausch mit Experten der CONCEPT AG, wurden zu jedem Kerntrend jeweils vier Reifegrade als Indikatoren für den Grad des Implementierungsstandes definiert. Die identifizierten Kerntrends der Digitalisierung inklusive ihrer Reifegrade sind das Ergebnis der Marktforschungsphase und bilden die Grundlage für die Feldanalyse. Diese neun Trends lauten Cloud-Computing, Digitale Arbeitsumgebung, Digitale Geschäftsmodelle, Digitale Kommunikation, Digitale Plattform, Vernetzte Produktion, Machine to Machine, Big Data Analytics und
Internet der Dinge.

Feldanalyse – Digitalisierung im Mittelstand.
Die Feldanalyse wurde als quantitative Umfrage mittels Online-Plattform (SurveyMonkey) durchgeführt. Im ständigen Austausch mit Experten der CONCEPT AG und mit vorangegangener Pilot-Durchführung, entstand eine Umfrage mit insgesamt 27 (teils offenen) Fragen. Der Befragungszeitraum erstreckte sich über ca. einen Monat zwischen dem 24.04. und 27.05.2018.

Insgesamt wurden über 1.000 Kontakte unterschiedlicher mittelständischer Unternehmen überwiegend per E-Mail sowie per Telefon kontaktiert. Ferner wurde die Umfrage in bestimmten Gruppen sozialer Business-Netzwerke (z.B. Xing und LinkedIn) veröffentlicht. Insgesamt nahmen 61 Personen an der Umfrage teil, nach Abzug nicht auswertbarer Ergebnisse (aufgrund von Unvollständigkeit oder willkürlichen Angaben) verblieben 47 validierbare Umfragen. Von diesen kommen mit 36% die meisten Beantwortungen aus der Branche der Automobilhersteller/-zulieferer, gefolgt vom Maschinen- und Anlagenbau mit 26%.

Weitere kommen aus dem Gleisbau, der Filtration und Bauzulieferbranche. 38% der Rückläufe stammen aus Unternehmen mit über 1.000 Mitarbeitern, gefolgt von 501-100 und 251-500 mit jeweils 19%. Bei 36% handelt es sich um Antworten von Geschäftsführern, was für eine hohe Repräsentativität der Studie spricht. 64% der Teilnehmer stammen aus der Projektleitung Digitalisierung, dem Business Development oder der Produktion. Durch die Heterogenität der Antworten wird der Mittelstand möglichst breit repräsentiert.

Status Quo – Wo steht der Mittelstand heute?
Um den Digitalisierungsstand gesamtheitlich abzubilden, wurde der Implementierungsstand von Strategien und Investitionen, der Fortschrittsstatus pro Kerntrend anhand der definierten Reifegrade sowie der Fortschrittsstatus pro Operations Bereich ermittelt. Weiterhin vervollständigten Fragen zu den derzeit größten Herausforderungen im Unternehmen die Analyse des Status Quo. Das Thema Digitalisierung ist bei 94% der mittelständischen Unternehmen schon seit mehreren Jahren präsent. Mehr als zwei Drittel (71%) haben bereits eine Digitalisierungsstrategie teilweise oder unternehmensübergreifend implementiert. Obwohl sich viele schon seit mehreren Jahren mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen, besitzt ein Viertel davon keine Digitalisierungsstrategie.

Ein Großteil (77%) hat bereits Investitionen für Digitalisierungsvorhaben getätigt. Erwähnenswert ist weiterhin, dass 15% derer, die keine Strategie besitzen, bereits Investitionen getätigt haben.

Für eine detaillierte Analyse des Status Quo wurde der Entwicklungsstand in den Operations Bereichen Einkauf, Produktion, Qualität und Logistik anhand von vier bis fünf definierten Kriterien abgefragt. Während in den Bereichen Einkauf und Produktion durchschnittlich 60% bzw. 56% der Kriterien umgesetzt sind, sind es bei Qualität nur 37% und bei Logistik sogar nur 33% – allerdings mit sehr unterschiedlich ausgeprägten Kriterien. So nutzen im Einkauf beispielsweise 81% eine „Plattform zur Verwaltung von Lieferantendaten und Aufträgen“ und „identifizieren Teile mit schlechter Lieferperformance“. Jedoch nutzen nur 17% eine „elektronische Verhandlungsführung“. Im Bereich Produktion sind bei 17% die „Produktionsprozesse mit Lieferanten und Kunden vernetzt und Datenbestände werden automatisch synchronisiert“.

Gleichzeitig nutzen mehr als 50% „elektronische Arbeitspläne und Stücklisten am Arbeitsplatz“ und „Dashboards zur Sicherstellung der Transparenz“. Mehr als die Hälfte führt „ABC/XYZ-Analysen“ durch und nutzt ein „automatisiertes Lagerverwaltungssystem“ im Bereich Logistik. Lediglich 9% nutzen hingegen „Pick by Voice“ und nur 11% “ ein „fahrerloses Transportsystem“.

Die Ermittlung des Status Quo bezüglich der neun identifizierten Kerntrends der Digitalisierung erfolgt über vier definierte Reifegrade, wobei die Ergebnisse sehr große Diskrepanzen zwischen sehr stark und weniger fortgeschrittene Kerntrends erkennen lassen. Während Digitale Kommunikation und Vernetzte Produktion mit mehr als 70% 3. bzw. 4. Reifegrad (Selbsteinschätzung) am stärksten ausgeprägt sind, rangieren Big Data Analytics und Digitale Plattformen am anderen Ende der Skala. Bei Digitalen Plattformen hat noch kein Unternehmen den 4. Reifegrad umgesetzt.

Herausforderungen.
Die Umfrageteilnehmer mussten 14 branchen-übliche Herausforderungen nach Rating-Verfahren mit „trifft zu“ bis „trifft nicht zu“ bewerten. Demnach ist die größte Herausforderung das Erfüllen hoher Anforderungen durch individuelle Kundenwünsche, gefolgt von schwankender Kapazitätsauslastung und mangelnder Kommunikation.

Quo Vadis – Wo will der Mittelstand hin?
Zur Ermittlung des Quo Vadis bewerten die Teilnehmer mit „trifft zu“ bis „trifft nicht zu“, inwieweit sie die neun Trends als Kerntrend der Digitalisierung ansehen. Die Auswertung ergibt, dass Vernetzte Produktion, gefolgt von Big Data Analytics und Digitale Kommunikation, als wichtigste Kerntrends gesehen werden. Cloud Computing, Internet der Dinge und Digitale Geschäftsmodelle werden dagegen weniger als Kerntrends angenommen. Bei der Gegenüberstellung von Status Quo und Zielbild zeigt sich, dass die Kennlinien Reifegrad und Wichtigkeit einen ähnlichen Verlauf aufweisen. Lediglich bei Big Data Analytics und Machine to Machine ist eine große Diskrepanz zwischen Reifegrad und Wichtigkeit zu erkennen. Daraus lässt sich schließen, dass die Unternehmen diese zwei Kerntrends als wichtig für die Zukunft sehen, es aber noch nicht geschafft haben, einen entsprechend hohen Reifegrad im Unternehmen zu erreichen. Von 139 Antworten zum Nutzen der Digitalisierung nimmt der Oberbegriff Effizienz mit 38 Nennungen den ersten Platz ein, gefolgt von Datenqualität, -verfügbarkeit bzw. -relevanz. Weitere Themenbereiche sind Produktivitätssteigerung, Zukunftsfähigkeit, Kundenorientierung und Transparenz.

Digital Roadmap als Wegweiser.
Mit der Digital Roadmap wird dem Mittelstand ein Weg zur digitalen Transformation aufgezeigt. Bei der Erstellung werden zuerst bereichsspezifische sowie -übergreifende Herausforderungen des produzierenden Mittelstands (Customer Pains) analysiert. Diesen werden jeweils Nutzen (Customer Gains) zugeordnet, mit welchen die Herausforderungen bewältigt werden. Hierbei handelt es sich um die Nutzen, welche laut Auswertung von der Digitalisierung erwartet werden. Zuletzt werden die Kerntrends zugeordnet, die als Treiber (Enabler) den definierten Nutzen realisieren.

Beispielsweise zeigt sich die am häufigsten erwähnte bereichsübergreifende Herausforderung in den hohen Anforderungen durch individuelle Kundenwünsche. Die Nutzen Kundenorientierung und Flexibilität, welche mit acht bzw. zwei Stimmen genannt sind, adressieren genau dieses Problem. Kerntrend und Enabler ist in diesem Fall eine Digitale Plattform.

Eine mögliche konkrete Lösungsmaßnahme zur Bewältigung individueller Kundenwünsche ist folglich die Implementierung eines Produktkonfigurators. Mit den vorliegenden Customer Pains, Gains und Enabler gilt es im nächsten Schritt eine GapAnalyse für die aufgezeigten, sieben größten Herausforderungen durchzuführen. Von Bedeutung sind hierfür der Ist- und Ziel-Zustand, bei dem sich der Erste aus dem Reifegrad und der Zweite aus der Wichtigkeit des zugewiesenen Kerntrends ergibt. Des Weiteren werden die Herausforderungen und die entsprechenden Lösungsansätze priorisiert. Die Priorisierung wird anhand der mit den Lösungsansätzen verknüpften Nutzen sowie der Wichtigkeit der entsprechenden Kerntrends vorgenommen. Dabei ergibt sich die folgende Lücke zwischen Ist- und Ziel-Zustand sowie Priorisierung der Herausforderungen.

Aus der Berechnung gehen die drei höchst priorisierten Herausforderungen schwankende Kapazitätsauslastung, mangelnde interne und externe Kommunikation sowie geringe Vernetzung mit Lieferanten und Kunden hervor. Die Digital Roadmap definiert für diese drei Herausforderungen konkrete kurz-, mittel- und langfristige Lösungsmaßnahmen. So empfiehlt sich beispielsweise für die schwankende Kapazitätsauslastung die Einführung einer digitalen Plattform zur zentralen Auftragsabwicklung mit Kunden und Lieferanten. Im zweiten Schritt bietet es sich an, diese zu einem gemeinsamen Arbeits- und Marktplatz für Partnerangebote umzufunktionieren.

Fazit:
Big Data Analytics, Machine to Machine, digitale Plattformen – Technologien und Trends, die heute als Enabler der Digitalisierung schon vorhanden sind und in vielen Unternehmen erfolgreich umgesetzt bzw. gelebt werden. Es mangelt folglich weniger an der technischen Realisierbarkeit, sondern an der Kenntnis der Lösungsansätze der Digitalisierung und derer Nutzen. Dabei adressieren die Technologien der Digitalisierung genau die Herausforderungen, mit denen der produzierende Mittelstand häufig konfrontiert ist. Um langfristig und nachhaltig wettbewerbsfähig zu bleiben, ist der Aufbruch in die Digitalisierung unumgänglich.

Die aus der Markt- und Feldanalyse resultierende Roadmap dieser Forschungsarbeit bietet mittelständischen Unternehmen einen Leitfaden, um die digitale Transformation einzuleiten und voranzutreiben. Sie stellt in diesem Fall eine konkrete Ausprägung dar, welche sich anhand der größten ermittelten Herausforderungen ableitet. Der Ansatz zur Erstellung einer Digital Roadmap – Customer Pains, Customer Gains, Enabler, Target & Priotization und Implementation – ist allerdings allgemeingültig und wird individuell auf das Unternehmen angepasst. Entscheidend sind die richtige Priorisierung sowie die Definition eines Zielbilds, worauf basierend ein konkreter kurz-, mittel- und langfristiger Implementierungsplan konzipiert wird – die Digital Roadmap. (RED)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 3/2019

Hat der Handel die Wichtigkeit von Transparenz in der Lieferkette erkannt?

Steigende Kundenansprüche tragen erheblich zu mehr Komplexität, Kosten und Überschuss in der Lieferkette von Einzelhändlern bei. Unternehmen führen flexiblere Retouren, schnellere Lieferungen und Informationen über den Lieferstatus in Echtzeit als Hauptgründe dafür an – was den unbestrittenen Bedarf nach mehr Transparenz in der Lieferkette verstärkt.

Beitrag: Redaktion.

Dies ergab eine aktuelle von Sapio Research für den Supply-Chain-Technologiespezialisten Zetes durchgeführte Umfrage, an der insgesamt 451 Entscheidungsträger aus dem Handel in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Spanien teilnahmen. Mangelnde Transparenz beeinträchtigt die Performance von Unternehmen. Die meistgenannten Probleme sind übermäßige Bestände und höherer Überschuss, Umsatzeinbußen durch nicht verfügbare Produkte, Mangel an Echtzeitwarnungen, um gegen potenzielle Unterbrechungen vorzubeugen sowie die Möglichkeit, Retouren als verfügbaren Bestand zu identifizieren.



Die Umfrage zeigt, dass 94 Prozent der Befragten eine optimale Transparenz auf Ereignisse fehlen, die sich auf die Leistung ihrer Lieferkette auswirken. 87 Prozent stimmen zu, dass eine vollständig transparente Lieferkette mit Statusinformationen in Echtzeit Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschaffen kann. Dagegen geben drei Viertel (71 Prozent) an, dass mangelnde Transparenz in der Lieferkette negative Auswirkungen auf das Geschäft hat.

Weitere wichtige Erkenntnisse der Umfrage 33 Prozent der Befragten äußerten, dass die enormen Datenmengen und der mangelnde Zugang zu Echtzeitdaten bei der Optimierung der Lieferkette eine Herausforderung darstellen. Die Zufriedenheit und Treue der Kunden sind wesentliche Ziele der Unternehmen. Es besteht Einigkeit darüber, dass sich beides durch Transparenz in der Lieferkette um über 30 Prozent verbessern ließe. 42 Prozent der Entscheidungsträger halten die Reduzierung von Überschuss für sehr schwierig. Angesichts der Vielzahl an Bereichen der Lieferkette mit akutem Handlungsbedarf, stellt sich die Frage, welchen Weg der Handel hier einschlagen soll.

Dazu Amir Harel, General Manager of Visibility Solutions bei Zetes: „Ziel der Transparenz ist letztendlich, die Kontrolle zu verbessern und Leistungspotenziale freizusetzen. Als Plattform für mehr Effizienz und Zusammenarbeit im Netzwerk kann sie einen Wandel herbeiführen. Ohne Transparenz wird es dem Handel schwerfallen, die großen Gewinne durch Verbesserungen bei Überschuss, Regalverfügbarkeit, Lieferantenleistung und Kundenbindung zu erzielen. Der Schlüssel liegt darin, die große Vision mit Pragmatismus zu verbinden.

Mit anderen Worten, es ist wichtig groß zu denken, aber klein zu beginnen und dann zu skalieren, wenn es um die Gewinne geht. Wenn Unternehmen die Lieferkettenprozesse genau kennen und wissen, wie sie physische und digitale Datenströme auf verschiedenen Systemen synchronisieren, lässt sich ein schneller ROI bei minimaler Technologieinvestition und Komplexität realisieren.“ (RED)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 3/2019

 

 

 

Prädiktive BI-Lösungen in der Unternehmensplanung

Prädiktive BI-Lösungen helfen Logistikdienstleistern, ihre Lieferzeiten zu verringern, Kosten und Leerfahrten einzusparen und die Kundenzufriedenheit zu erhöhen. Auch im Bereich der strategischen und operativen Unternehmensplanung leistet die neue Technologie wertvolle Dienste. Lesen Sie hier, worauf es beim Einsatz von Predictive Planning ankommt.

Beitrag: Redaktion.

Die Datenanalyse ist aus kaum einer Branche mehr wegzudenken. Auch Logistikdienstleister optimieren auf der Basis von Daten Prozesse wie den Transport oder die Lagerhaltung und -verwaltung. Mithilfe von professionellen BI-Lösungen lassen sich Lieferzeiten, Zuverlässigkeit und Flexibilität verbessern, Kosten und Leerzeiten einsparen und die Kundenzufriedenheit steigern. Denn auch die Kunden fordern immer detailliertere Informationen ein – etwa über den Verbleib ihrer Fracht, Bestände im Lager oder den besten Verkehrsweg für einen vorgesehenen Transport. Hinzu kommen die steigenden Anforderungen im Online-Handel: Auftraggeber von Paketdienstleistungen wollen ihre Sendungen nicht nur tracken können. Sie wollen auch selbst bestimmen, wann und wo sie ihr Paket in Empfang nehmen.

Vielfältige Einsatzgebiete.
Zunehmend an Bedeutung gewinnen dabei vor allem prädiktive BI-Lösungen mit denen sich – ausgehend vom Status Quo – die wahrscheinlichsten Zukunftsszenarien errechnen lassen. Auf der Grundlage relevanter Daten werden künftige Zustände eines Systems – etwa eines Lagers oder einer Lieferkette – in einem Datenmodell simuliert. Dadurch lassen sich bereits relativ genaue Vorhersagen über die Zukunft treffen. Die Anwendungsbereiche sind vielfältig. Potenzial bietet beispielsweise die Tourenplanung: Transporte, die auf Basis der Bewegungsdaten von LKW geplant und gemanagt werden, helfen Leerfahrten zu vermeiden. Zeit und Kosten spart auch die vorausschauende Wartung (Predictive Maintenance), bei der sich Ersatzteile bedarfsgerecht liefern und Wartungstermine an den tatsächlichen Zustand der jeweiligen Komponente anpassen lassen.

Predictive Analytics: Unternehmensplanung.
Eines der Hauptanwendungsfelder von prädiktiven Technologien ist die strategische und operative Unternehmensplanung. BI-Lösungen mit prädiktiven Fähigkeiten zeigen frühzeitig Abweichungen zwischen dem Ist- und dem anvisierten Sollzustand auf und ermöglichen so Prognosen und validere Entscheidungen. Logistikunternehmen haben damit die strategischen, taktischen und operativen Daten der Lieferkette permanent im Blick. Sie können auf veränderte Anforderungen schneller reagieren und detaillierte Kosten-Nutzen-Analysen daraus ableiten. Die Planungssicherheit nimmt deutlich zu, Chancen und Risiken werden schneller erkannt und effizienter genutzt. Das versetzt das Unternehmen in die Lage, sich flexibel und zeitnah an aktuelle Marktbedingungen und Veränderungen anzupassen. Gerade für die Logistik-Branche ein entscheidender Wettbewerbsfaktor.

Predictive Planning: Planungsprozess.
Um von Predictive-Lösungen profitieren zu können, müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein. Predictive Analytics erfindet den jeweiligen Prozess nicht neu, sondern setzt darauf auf. Denn wer Aussagen über die Zukunft treffen will, braucht erst einmal Klarheit über die Vergangenheit und die Gegenwart. Ohne beschreibende und diagnostische BI-Abläufe kann es daher auch keinen prädiktiven Prozess geben. Beides gehört untrennbar zusammen. Und finaler Entscheidungsträger ist und bleibt der Mensch.

So ersetzt auch Predictive Planning weder den herkömmlichen Planungsprozess – Planfindung, Soll-Ist-Abgleich, Abweichungsanalyse, Gegensteuerung –, noch die BI-Lösung. Es ist eher als Add-On anzusehen, das mögliche Szenarien kontinuierlich auf Basis aktueller Daten und den daraus generierten Entscheidungsvorlagen simuliert.

Entscheidend sind agile Prozesse und internes Know-how.
Es gibt eine Vielzahl von Einflussfaktoren, die die Planung erschweren – etwa unterschiedliche Interessen und Planungshorizonte, volatile Märke, neue Vertriebswege und Lizenzmodelle. Der Planungsprozess sollte daher möglichst agil gestaltet sein und sich flexibel an neue Situationen anpassen lassen. Predictive Planning bietet hier nützliche Methoden an, unter anderem Plandaten-Sets, die nach Wahrscheinlichkeiten sortiert sind.

Eine wichtige Voraussetzung für den erfolgreichen Einsatz von Predictive Planning sind Kenntnisse über das eigene Geschäftsmodell und die damit verbundenen Geschäftsfälle. Auch technologisches Wissen ist gefragt – etwa darüber, wo die relevanten Daten liegen und an welcher Stelle und in welcher Form Systemübergaben erfolgen. Unternehmen sollten dieses Know-how intern aufbauen und so wenig Kompetenzen wie möglich nach außen geben, um sich nicht von Dritten abhängig zu machen.

Passende Software und Architektur finden.
Von Vorteil ist daher, wenn der Anbieter zusammen mit der Predictive-BI-Lösung ein umfassendes Schulungs- und Beratungsangebot zur Verfügung stellt. Die Software sollte zudem in Sachen Bereitstellung der Plandaten und -modelle einfach zu bedienen sein und gleichzeitig die Möglichkeit bieten, mit wenig Spezialwissen gute Ergebnisse zu liefern. Von entscheidender Bedeutung ist zudem die Wahl der Lösungsarchitektur. In vielen Best-Practice-Projekten hat sich als solide technologische Grundlage eine modular aufgebaute BI- und Performance-Management-Plattform bewährt, die die grundlegenden Informationsprozesse abdeckt und für einen Best-of-Breed-Predictive Analytics-Ansatz offen ist. (RED)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 3/2019

Schuldig!?

Es hat eine Schülerin aus dem hohen Norden gebraucht um der Welt zu zeigen, der Heilige Gral des Kapitalismus, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), in der bisherigen Form, ist am Ende.

Redaktion: Peter Baumgartner.

Die Auswirkungen des grenzenlosen Wachstums können von den Entscheidungsträgern nicht mehr ignoriert werden, wenn selbst Kinder aus Furcht vor der Zukunft auf die Straße gehen. Erwachsene Demonstranten konnte man lange als Wollpulli tragende Spinner abtun und auf Erwachsene kann man gelegentlich auch hin dreschen (lassen), wenn sie es gar zu bunt treiben. Aber wie bändigt man Kinder? Verbieten bewirkt bekanntlich das Gegenteil und von der Straße prügeln geht gar nicht, denn wie man weiß, Kindermund tut Wahrheit kund. Also begibt man sich jetzt auf die Suche nach den Schuldigen und sucht Lösungsansätze, die das anscheinend unausweichliche Desaster in letzter Sekunde vielleicht doch noch mildern kann.  Aber hier ist Aufmerksamkeit gefordert, denn die Schuld liegt oft im Auge des Betrachters.

Kindermund tut Wahrheit kund.
Noch werden die vermeintlich Schuldigen an der Klimakatastrophe allgemein in Überbegriffen benannt. Die Industrie, der Verkehr, der Hausbrand, die Landwirtschaft usw. Jeder kann, muss sich aber nicht betroffen fühlen. Nur die Kühe stehen schon personifiziert am Pranger, weil sie ihre Abgase nicht beherrschen können. Es wird aber nicht mehr lange dauern, dann steht jeder am Pranger und muss sich für sein Handeln verantworten.

Schon heißt es „wir“ müssen alle einen Beitrag zum Klimawandel leisten. Damit wird bereits jeder und jede zum potentiell Schuldigen erklärt – aber noch nicht beim Namen genannt. Bevor das passiert und ein Schuldspruch gefällt wird, lohnt es sich unter die Oberfläche zu schauen. Und hier sollte es – anders als vor dem Richter – nicht nur um ein Urteil, sondern auch um Gerechtigkeit gehen. Sonst enden wir in einer Ökodiktatur, wo sich Teile der Gemeinschaft mit „beschränkter Haftung“ aus der Verantwortung schleichen. In die Richtung einer Ökodiktatur geht es zum Beispiel bereits, wenn „wir alle“ ein E-Auto kaufen sollen, aber ja keinen Kilometer weniger fahren dürfen. Damit können „wir“ einen Beitrag leisten, aber nicht für den Klimaschutz. Wenn der benötigte Strom für 100 Prozent E-Mobilität aus der Kernenergie oder endlichen Energiestoffen kommt, nützt das der Energiewirtschaft, nicht der Umwelt.

Auch die Logistik wird unter dem Überbegriff schon längst als schuld am Klimawandel angeprangert. Immer mehr LKW verursachen Luftverschmutzung, Stau, Unfälle und Infrastrukturschäden. Glasklar, die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache und in der Zeitung steht es auch täglich. Die Logistik ist schuldig! Noch dazu hat der Verkehrssektor einen erheblichen Anteil am BIP und treibt uns mit dem grenzenlosen Wachstum direkt in das Design by Desaster. Aber sind der LKW, der Verkehr und die Logistik im eigenen Wirkungsbereich wirklich allein schuld am Anteil der Klimaänderung.

Oder sind es vielleicht auch immer mehr Konsumenten, die jeden Konsumartikel möglichst Same Day Delivery haben wollen und weil die Schuhe nicht passen, auch postwendet wieder retour schicken? Oder ist es vielleicht die Industrie, die für sich selber einen erheblichen Anteil am BIP hat und für das Wegwerfen produziert, was vorher um die halbe Welt transportiert wird? Oder ist es vielleicht die verladende Industrie, die fast leere LKW durch die Gegend schickt? Oder muss man sich vielleicht auch überlegen, welchen Anteil der Handel am überbordenden Verkehr hat? Immerhin ist es für den Handel sehr verlockend, wenn der Schnittlauch aus Israel inklusiver Transportkosten noch immer billiger ist, als aus dem Marchland.

Die fulminanteste Dummheit findet natürlich auf oberster Ebene in der EU statt: Warum sagt man, der freie Warenverkehr ist eine tragende Säule der Gemeinschaft, praktiziert aber in Wahrheit die freie Wahl der Verkehrsmittel? Dummheit kann das eigentlich gar nicht sein, denn dann müsste man davon ausgehen, dass mehrheitlich Tölpel am Werk sind. Bei allen Schweinereien ist es für die Verteidiger der „freien Marktwirtschaft“ nur wichtig, immer das „Wir“ in den Vordergrund zu stellen. Wir sind schuld, wir müssen uns ändern, wir sollen dies oder jenes machen. Wir produzieren x-Kg Müll sagt die Statistik, damit wir uns ja nicht aus dem Schuldgefühl befreien können. Richtig und gerecht ist aber, die außer Rand und Band geratene Wirtschaft mit dem BIP-Dogma produziert Müll ohne Ende und wir alle bezahlen dafür – mehrfach.

Mit ein wenig Unvoreingenommen und der Bereitschaft nachhaltige Lösungen zu finden, lassen sich Probleme besser lösen und die Last kann gerecht auch alle Schultern verteilt werden. Vielleicht lässt sich damit nicht nur die Umwelt retten, sondern auch gleich das Problem Fahrermangel und desaströse Arbeitsbedingungen beseitigen.

Weniger bekannt und kaum in den Verdacht eines Schuldigen kommt der Staat mit seinen untergeordneten Institutionen, wenn es um die Frage geht, welchen Anteil die Logistik am Klimawandel hat. Ein typisches Beispiel ist die Raumordnung wo sich die öffentlichen Institutionen heimlich aus der Verantwortung stehlen. Der Gesetzgeber überantwortet die Raumordnung weitgehend den Bürgermeistern, die mit dieser Verantwortung völlig überfordert sind. Die ureigensten Interessen einer Gemeinde sind die Gemeindeeinnahmen, die sie für ihre Verpflichtungen in Ermangelung eines innovativen Finanzausgleiches brauchen und die sie daher zu einem großen Teil über die angesiedelten Unternehmen lukrieren. Folglich steht für jeden Bürgermeister die Betriebsansiedlung in der Rangliste weit vor dem Umweltschutz. Noch dazu steht jede einzelne Gemeinde in Konkurrenz zu anderen Kommunen bundesweit. Wer also die Hose runter lässt, schnell und billig Industriefläche zur Verfügung stellt, macht das Rennen.

Ein Beispiel: Die kleine Gemeinde Liebenfels in Kärnten liegt an einer eigentlich ausgelasteten einspurigen Bahnstrecke, mit vielen unbeschrankten Kreuzungen und an einer gefährlichen, kaum ausbaubaren Bundesstraße mitten im Wasserschongebiet in einer idyllischen Tallandschaft. Die Gemeinde hat also keine Verkehrsinfrastruktur für große Betriebsansiedlungen. Aber sie hat Flächen und die Bereitschaft, diese quasi umsonst zur Verfügung stellen zu wollen. In Spuckweite entfernt von Liebenfels liegt die Konkurrenzgemeinde St. Veit. Die liegt an der Südbahn und hat eine Schnellstraße mit guter Anbindung an das hochrangige Straßennetz und zum Flughafen. St. Veit hat sogar zwei perfekt gewidmete Industriegebiete direkt an der ausgezeichneten Verkehrsinfrastruktur.

Jetzt kommt ein Industrieunternehmen und möchte in der Region die weltweit größte Produktion von Solarpanelen bauen. Preisfrage: Wer von den beiden Gemeinden macht das Rennen? Genau. Liebenfels zieht den Joker, weil es dort für die Industrie billiger ist zu produzieren. Durch die Finger schauen das Klima und die Umwelt. Ohne leistungsfähige Straße und Schiene müssen sich natürlich zahlreiche LKW im stop and go Verkehr durch das Tal schlängeln.

Wer ist also schuld? Die Logistik nicht. Der LKW auch nicht. Die wären auf so eine schwachsinnige Raumordnungspolitik und Industrieansiedlung nicht gekommen. Solche Beispiele gibt es ohne Ende. Überall setzt sich die Ökodiktatur fort und Klimaschutzmaßnahmen werden zugunsten „systemrelevanter“ Entscheidungen nicht gesetzt. Der Wandel zu einer nachhaltigen Zukunft kann nur gelingen, wenn wir uns vom BIP als zentralen Wohlstandsindikator abwenden, schreibt Bernhard Rebernig (Ökosoziales Forum).

Wenn Dummheit, Ignoranz und Profitgier schlicht und ergreifend für das BIP besser sind als Nachhaltigkeit und Gemeinwohl, dann gute Nacht liebe Zukunftsgeneration. Pech gehabt liebe Kinder. Hättet eben nicht auf die Welt kommen sollen, die wir verbrauchen, bevor ihr sie nutzen könnt.

Die von gierigen Despoten gesteuerte Politik „mit beschränkter Haftung“ wird also zunehmend zum Problem. Dank gesetzlicher Regelung sind Schädigungen dann keine Schädigungen mehr, wenn sie ausdrücklich genehmigt wurden. Der Bürger und der Konsument darf – ohne Rücksicht auf Vermögen und Gesundheit, behördlich sanktioniert nach Strich und Faden betrogen und belogen werden – ja, er darf sogar vergiftet werden. Es müssen nur „Grenzwerte“ eingehalten werden, deren flächendeckende Kontrolle letztlich unmöglich ist. Außerdem bleibt in jedem Fall der Konsument auf den Kosten sitzen, denn die Klimakosten werden jedenfalls „wir“ tragen. Wenn also aus der Politik und Verwaltung die „Wir-Keule“ kommt, ist Obacht angesagt. Gemeint ist das Wahlvieh. Wenn die Wirtschaft und die Industrie von „Wir“ sprechen meinen sie die Konsumenten, den Absatzmarkt – exklusive derer, die am Finanzmarkt Gewinne auf Kosten der Gemeinschaft machen und vermutlich einen anderen lebenswerten Planeten kennen. Diese Politik ist gescheitert. Da muss man den Jugendlichen auf der Straße leider Recht geben. Jedenfalls ist das keine Umweltpolitik, sondern Katastrophenmanagement. (PB)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 3/2019

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